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Nov. 5th, 2007

count, too, can

Kapitel 7...und wieder eine Krise überwunden *gg*

VII. Homecoming

 

 

Wenn ein Herz erst einmal gebrochen ist, wie bekommt man es wieder ganz?

Wenn ein Engel erst einmal einen Flügel verloren hat, wie bekommt er ihn wieder?

Ein vergessenes Lachen, wie befördert man es wieder zu Tage?

 

 

----------

 

Ganze 18 Tage würde der Flug nach Atlantis in Anspruch nehmen. Genug Zeit, um wenigstens einen Teil der körperlichen Wunden von Finn heilen zu lassen. Wunden, die mit der Zeit so oder so heilen werden. Um diese Wunden brauchte man sich kaum Sorgen machen. Umso mehr sorgte sich John um die Wunden, die Finns kindlicher Seele zugefügt worden waren. Wunden, die mehr als nur etwas Zeit brauchen würden. Eine schwere Zeit brach an. Eine Zeit voller Tränen, Schmerz und Qual, aber auch voller Hoffnung, Fortschritte, und der ein oder anderen wohl tuenden Erkenntnis: der Erkenntnis, dass man gemeinsam alles erreichen kann.

 

Dr. Beckett und Dr. Andrews hatten leise das Quartier betreten, das John sich mit Finn teilte und nun beobachteten sie zu dritt den Jungen, der auf dem Bett saß, abwesend in den Subraum starrte, der außerhalb des Fensters vorüberraste. Mit einer Hand streichelte er unentwegt seinen kleinen Hund Addie, den er von Tammy zum Abschied auf der Erde geschenkt bekommen hatte und der sich auf dem Schoß des Jungen zum Schlafen zusammengerollt hatte.

 

"Er hat gestern gesprochen?", fragte Jeremiah Andrews leise in die Runde und erntete ein Nicken von John.

 

"Ja, aber nicht viel. Er hat nach etwas Obst gefragt und dem Hund einen Namen gegeben."

 

"Mehr also nicht?"

 

"Nein."

 

Nachdenklich nickte Jeremiah und setzte seine Beobachtungen fort. Ab und an schrieb er sich einige Notizen auf sein Klemmbrett. Nach einer Stunde etwa stand er auf und verließ das Quartier mit den Worten: "Ich würde Finn morgen gerne in meinem Büro sehen, damit ich eine geeignete Therapie für ihn ausarbeiten kann."

 

John nickte und wandte sich wieder seinem Schützling zu. Carson legte seine Hand auf dessen Schulter und sagte: "Das wird wieder, Colonel, bestimmt. Ich muss jetzt wieder zur Krankenstation. Rufen Sie mich, wenn es Probleme gibt. Gute Nacht."

 

"Okay. Nacht."

 

Somit war er wieder allein mit sich, dem Jungen und einer unheimlichen Last von Problemen. Seit dem Abflug der Daedalus am vergangenen Nachmittag, hatte sich Finn komplett in sich zurückgezogen und schwieg beharrlich. Er wehrte sich gegen Berührungen jeglicher Art, ganz besonders seit Carson ihn am Vormittag wieder untersucht hatte. Zwar heilten seine Wunden langsam, aber das trug nicht zu Johns Beruhigung bei. Finn verweigerte das Essen. John konnte machen, was er wollte, aber der Junge rührte nichts an, nicht einmal die Dinge, die er früher am liebsten gegessen hatte. John war verzweifelt, er wusste nicht, wie er den Jungen sonst zum essen bewegen sollte. Doch Carson hatte ihm dann geraten, er solle Finn Zeit geben, er würde schon zu Essen beginnen, wenn er hungrig genug wäre. Ansonsten müsse man wohl zu drastischeren Maßnahmen greifen. John hoffte sehr, dass jene Maßnahmen nicht nötig werden würden, einfach um Finns Willen, denn er war überzeugt, dass es ihm nicht gut tun würde.

 

Er setzte sich zu Finn auf das Bett und folgte seinem Blick in die Ferne.

 

"Hey, es ist schon spät. Wir sollten langsam schlafen gehen, meinst du nicht?"

 

Finn reagierte nicht darauf, sondern er strich Addie weiter über das samtweiche Fell. Als John ihn an der Schulter berühren wollte, wich der Junge zurück. Daraufhin zuckte John seufzend mit den Schultern, stand auf und ging in das kleine Badezimmer, um sich für die Nacht umzuziehen. Als er zurückkehrte, hatte sich das Bild, das sich ihm bot kaum verändert. Nur Addie war aufgewacht und schleckte Finns Hand ab, was den Jungen jedoch nicht davon abbrachte, weiter aus dem kleinen, bullaugen-ähnlichen Fenster zu starren. Der Welpe fiepte inzwischen aufgeregt und zog an einem T-Shirt-Zipfel. John schloss daraus, dass die Kleine dringend mal musste. Erst, als er den jungen Hund hochnahm, wandte sich Finn ihm zu und schenkte ihm einen verstörten Blick.

 

"Sie muss mal Gassi", sagte John und wartete auf eine Reaktion, doch der Junge starrte ihn weiter unverwandt an. Es schien, als hätte er gar nicht verstanden, was John gesagt hatte. John startete einen weiteren Versuch, Finn zu einer Aktion zu verleiten: "Magst du mitkommen?"

 

Er sah, wie es in Finns Augen kurz aufblitzte, doch das dauerte nur für den Bruchteil einer Sekunde an. Finn wandte den Blick ab, zog seine Beine nah an den Körper und starrte seine Füße an. John seufzte schwer und wandte sich mit Addie auf dem Arm zum Gehen. Er schaute noch einmal zurück und sah, wie Finn nervös vor und zurück wippte.

 

"Ich bin gleich zurück", sagte er leise und verließ den Raum. John war heilfroh, dass ihm keiner auf den dunklen Gängen des Schiffes begegnete. Er war verzweifelt und wollte niemandem über den Weg laufen. Zum ersten Mal in seinem Leben übernahm er wirklich Verantwortung für jemanden, der es dringend brauchte. In seiner kurzen Ehe hatte er es nicht geschafft, es kam schnell zur Scheidung und er war heilfroh darüber gewesen. Jetzt hatte er Angst, dass er es wieder nicht schaffen würde. Und diesmal ging es nicht um eine starke, junge Frau, die eine Familie hinter sich stehen hatte, die sie tröstete, sondern um einen kleinen, verstörten Jungen, der außer ihm niemanden hatte. Die Folgen, zu versagen, waren ungleich größer und momentan wusste John nicht, wie er Finn helfen konnte. Er wagte nicht, sich auszumalen, was passieren würde, sollte er es wirklich nicht schaffen.

 

Nach wenigen Minuten erreichte er einen Teil des Schiffes, den Colonel Steven Caldwell freigegeben hatte, damit Addie frei laufen konnte. Er ließ den Welpen herunter, worauf hin sie aufgeregt herumlief und in sämtlichen Ecken herumschnüffelte. John nahm eine alte Zeitung von einem Stapel und legte sie auf dem Boden, damit Addie sich darauf erleichtern konnte. Er wusste nicht, wer es war, aber er war der Person dankbar, die die Zeitungen an Bord gebracht hatte. John ließ sich an eine Wand gelehnt in den Schneidersitz sinken und beobachtete Addie bei der Erforschung des Schiffes. Sie erinnerte ihn so sehr an Finn, als er damals nach Atlantis gekommen war. Er wollte auch alles erkunden und erfahren, war ständig auf Achse und hatte bald jeden erforschten Winkel der Stadt gesehen, doch was war davon nur übrig geblieben? Nicht viel, rief eine leise, bohrende Stimme in Johns Kopf. Und er wusste, wie recht diese Stimme damit hatte.

 

Nachdem sich Addie erleichtert hatte, kam sie auf John zugetapst und setzte sich erwartungsvoll vor ihn hin. Er nahm den kleinen Hund wieder in den Arm und drückte ihn an sich. Addie freute sich über die Zuwendung und schleckte John schwanzwedelnd über das Gesicht. Ein schwaches Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.

 

"Hey, du wirst mir helfen, Finn wieder auf die Beine zu bringen, okay?", wisperte er und stand wieder auf. Nachdem er die beschmutzte Zeitung entsorgt hatte, machte er sich mit einer zufriedenen Addie auf dem Arm auf den Rückweg. Vielleicht war es ja Addies Anwesenheit, aber John ging es etwas besser und er glaubte nun daran, dass es wirklich möglich sein würde, Finn aus seinem Dilemma herauszuhelfen.

 

Als John die Tür zu dem Quartier öffnete, sahen ihn ein paar blaue Augen erschreckt an. Finn stand wie angewurzelt an der Tür. John ließ schnell Addie herunter und sah ihn an.

 

"Alles okay, Finn?", wollte John wissen, doch der Angesprochene schwieg und senkte den Blick. Sanft legte er Finn eine Hand auf die Schulter und wartete auf ein Zusammenzucken des Jungen, was aber ausblieb. Leicht verwundert musterte er das Kind und stellte fest, dass auch er sich umgezogen hatte. Allerdings trug er ein T-Shirt, das ihm viel zu groß war und John erkannte es als seines, das er noch kurz zuvor selber getragen hatte. Er wollte gerade zu einer Frage ansetzen, aber er entschied sich kurzfristig, es darauf beruhen zu lassen. Finn würde schon seine Gründe dafür haben und wenn er wollte, würde er es ihm schon erzählen. Doch Finn schwieg weiterhin und begab sich in sein Bett, wo er sich wie ein Baby zusammenrollte, sein Plüschkänguru fest an sich presste und seine Bettdecke bis zum Kinn hochzog. Addie war am Fußende ebenfalls auf das Bett gesprungen und hatte sich zu Finns Füßen ausgebreitet.

 

So sehr es John auch widerstrebte, dieses Bild zu zerstören, so musste er es doch tun. Carson hatte ihm nach der Untersuchung am Vormittag eine Salbe in die Hand gedrückt mit der ausdrücklichen Anweisung, bis auf weiteres jeden Abend Finns Rücken damit einzucremen, damit die Narben, die durch die Peitschenhiebe entstanden waren, sich nicht entzündeten und vielleicht wenigstens zum Teil verheilten. Er seufzte schwer und setzte sich zu Finn auf das Bett. Behutsam beugte er sich über Finn, der daraufhin fürchterlich erschrak und sich noch kleiner machte. John spürte, wie Finn vor Angst zitterte und sagte leise: "Hey, ich tu dir nicht weh, hab keine Angst."

 

Finn jedoch glaubte ihm nicht und schlang seine Decke noch ein wenig enger um sich. Addie war davon aufgewacht und tapste nun tollpatschig wie sie war zum Kopfende des Bettes hin. Dort angekommen schnüffelte sie neugierig an Finns Haaren, was den Jungen dazu brachte, seinen Kopf leicht anzuheben und Addie anzusehen. John nahm dies als Gelegenheit, um Finn noch einmal anzusprechen: "Weißt du noch heute Vormittag? Beckett hat mir da so eine Salbe für dich mitgegeben."

 

Er wartete Finns Reaktion ab, der noch lange zögerte, bis er schließlich die Decke zurückschlug und sich zu John umdrehte, was sehr langsam vonstatten ging aufgrund seiner Verletzungen. Um seine Aussage zu unterstützen, hielt John dem Jungen die Tube mit der Salbe entgegen. Dieser nahm sie aus seiner Hand, um sie näher zu begutachten.

"Sie ist für deinen Rücken", erklärte John. Finn sah ihn nachdenklich an und gab ihm die Tube zurück. Addie war inzwischen auf Finns Schulter geklettert und schnüffelte an der Tube, die John wieder in den Händen hielt, bis sie das Gleichgewicht verlor und von Finns Schulter purzelte. Nach einer Weile des Schweigens sagte John leise: "Du musst dich schon auf den Bauch legen, wenn ich dir den Rücken eincremen soll."

 

Finn nickte langsam und drehte sich auf seinen Bauch, was recht schmerzhaft war, wenn man bedachte, wie lange es brauchte, eine gebrochene Rippe heilen zu lassen. Er atmete schwer, als er die endgültige Position erreicht hatte und als John vorsichtig sein T-Shirt hochschob, um die Heilsalbe auftragen zu können, verkrampfte sich der Junge und vergrub sein Gesicht im Kopfkissen.

 

"Schon okay, keine Panik. Ich tu dir nichts", erklärte John ruhig und warf einen Blick auf den Rücken des 13-Jährigen. Der Anblick entsetzte ihn zutiefst. Finns ganzer Rücken war wund und von Narben übersät, die von Peitschenhieben herrührten. Die zum Teil arg geschwollenen Streifen verliefen kreuz und quer über den schmalen Körper des Jungen und John fragte sich, wie er die Schmerzen nur aushielt, schließlich wirkten Becketts Medikamente auch nicht ewig. Kopfschüttelnd begann er vorsichtig damit, die Salbe aufzutragen. Bei jeder Berührung bemerkte er wie Finn darunter zusammenzuckte und wie er noch immer zitterte. Er beeilte sich mit dieser Prozedur, damit sich sein Schützling schnell wieder beruhigen konnte. Schließlich zog er sanft das Shirt wieder herunter und breitete die Decke über Finn aus.

 

"Das war's schon", sagte John leise und strich Finn durch das Haar, "versuch, zu schlafen, okay?"

 

Er nahm wahr, wie der Junge nickte und sich wieder auf die Seite drehte mit dem Blick zur Wand. Seufzend löschte John das Licht und begab sich in sein Bett, von wo aus er Finn noch lange beobachtete, bis ihm endlich die Augen zufielen.

 

"John?"

 

Eine leise Stimme weckte ihn auf und ein kurzer Blick auf die Leuchtziffern seiner Uhr verriet ihm, dass er kaum eine Stunde geschlafen hatte. Er blinzelte kurz und richtete sich auf. Automatisch wanderte seine Aufmerksamkeit zu Finns Bett, wo sich in der Dunkelheit die Umrisse des Jungen abzeichneten, der ihn ansah.

 

"Was ist denn?", wollte John wissen, der es eigentlich wie die Pest hasste, wenn man ihn mitten in der Nacht um seinen Schlaf brachte.

 

"Ich…ich hab Angst", erklärte Finn kleinlaut. Es hatte ihn eine Menge Überwindung gekostet, überhaupt etwas zu sagen.

 

"Oh...okay. Du brauchst keine Angst zu haben, du bist hier sicher, ich-"

 

"K-kann ich bei dir schlafen?", unterbrach Finn eilig, denn er hatte Angst, ihn würde der Mut wieder verlassen.

 

"Ähm…ja, wenn es dir hilft", sagte John, knipste eine kleine Nachttischlampe an und rückte ein wenig auf die Seite, damit Finn genügend Platz hatte. Dieser kroch flink unter die Bettdecke, rollte sich zusammen und schloss dankbar die Augen. John löschte wieder das Licht, legte einen Arm um Finn und wisperte: "Ich pass auf dich auf, versprochen."

 

----------

 

Am nächsten Tag, den Finn wieder mit leerem Magen beging, steuerten die beiden langsam das provisorische Büro von Dr. Jeremiah Andrews an. Finn hatte sich heftig dagegen gewehrt, wieder den Rollstuhl zu benutzen und John hatte einige Tritte abbekommen, bis er sich schließlich sprichwörtlich hatte breitschlagen lassen, dem Jungen zu erlauben, zu Fuß zu gehen, obwohl Carson ihm das untersagt hatte. Dennoch musste er auf halben Weg als Träger herhalten, da Finns Beine nach einigen Metern ihm den Dienst versagt hatten und er in die Knie gegangen war. Auch wenn es nur wenige Schritte waren, die er allein zurückgelegt hatte, war er so erschöpft, als wäre er mehrere Meilen gerannt. Außerdem hatte er seinen Fuß unterschätzt, der noch immer wehtat und seine Rippen taten ihr übriges.

 

"Festhalten", mit diesem Wort hob John den völlig überrumpelten Jungen auf seinen Rücken. Finn war viel zu überrascht, als dass er sich hätte wehren können und setzte nun alles daran, nicht abzustürzen. John wunderte sich nur, wie leicht der Kleine war, als er losging, denn er hatte ihn um einige Kilo schwerer in Erinnerung. Schweigend ließ Finn die Belehrung über sich ergehen, dass es doch besser gewesen wäre, den Rollstuhl zu nehmen, er wusste ja, dass John recht hatte. Es war eine dumme Idee gewesen, er hatte sich zu viel zugemutet und das hatte er nun davon.

 

Kurz bevor sie Jeremiahs Büro betraten, ließ John den Jungen von seinem Rücken. Er berührte ein Display, das dem Bewohner des Quartiers anzeigte, dass sich Besuch ankündigte.

 

"Herein", rief Jeremiahs Stimme von drinnen und die Automatiktür glitt mit einem hydraulischen Zischen auf. John schob den sich sträubenden Finn in den kleinen Raum. Hinter ihnen glitt die Tür mit dem typischen Geräusch wieder zu.

 

"Hallo, setzen Sie sich doch", begrüßte Jeremiah die beiden freundlich und deutete auf zwei bequeme Stühle vor seinem Schreibtisch. Die beiden taten wie ihnen geheißen.

 

"Gut", sagte Jeremiah mit einem Nicken, "beginnen wir also. Finn, wie geht es dir heute?"

 

Finn sah den Psychiater erstaunt an. Wieso interessierte sich ein Außenstehender, jemand, den er gar nicht kannte, ausgerechnet dafür, wie es ihm ging? Er ging in sich, wieso interessierte sich überhaupt jemand dafür, wie es ihm ging?

 

"Es - "

 

"Nein, nein, nein, bitte, Colonel, lassen Sie ihn selber antworten", unterbrach Jeremiah sanft, als John zu einer Antwort ansetzen wollte.

 

"Aber er antwortet doch nicht", entgegnete John mit einem besorgten Seitenblick auf Finn.

 

"Ich weiß. Warten wir ab. Noch einmal, wie geht es dir, Finn?"

 

Finn zögerte noch immer. Er sah zu John hinüber, in der Hoffnung bei ihm einen Rat zu finden, wie er reagieren sollte. Er wusste, wenn er jetzt einfach antwortete und Dr. Andrews so einen Zugang zu ihm fand, so musste er sich ihm öffnen. Aber er wollte sich niemandem öffnen, der Schmerz, den er einmal erfahren musste, er würde ihn das nächste Mal umbringen. Doch John sah ihn nur an und schüttelte langsam den Kopf. Er sollte ihm nicht helfen. Es tat ihm weh, die wachsende Verzweiflung in Finns Augen zu sehen, doch er riss sich zusammen.

 

Mit einem Seufzen sagte Jeremiah: "Colonel Sheppard, würden Sie bitte für einen Moment mein Büro verlassen? Holen Sie den Hund hierher, aber warten Sie draußen. Ich rufe Sie dann rein."

 

John sah Jeremiah erstaunt an, doch der Blick des Arztes ließ keinen Widerspruch zu und so nickte er nur und begab sich langsam zur Tür, die vor ihm aufglitt. Hinter sich nahm er ein Poltern war und als er sich nach der Quelle umdrehen wollte, hörte er Jeremiahs Stimme: "Nicht umdrehen. Gehen Sie einfach weiter."

 

John fand es grausam, einfach so den Raum zu verlassen und Finn, der gar nicht wusste, was passierte, zurückzulassen. Doch obwohl ihm die Methoden des Arztes nicht gefielen, vertraute er ihm. Er musste schließlich wissen, was er tat, hatte er dies doch studiert. Als die Tür hinter ihm zu glitt und er Finn hatte panisch aufschreien hören, atmete er tief durch. Er unterdrückte den Drang, auf der Stelle umzudrehen und den Jungen da raus zu holen. Nach einigen Sekunden, die er ganz still mit dem Lauschen nach Finns Stimme zugebracht hatte, ging er langsam zu seinem Quartier, um Addie zu holen, wie Jeremiah angeordnet hatte.

 

Währenddessen machte sich im Inneren des Raumes Jeremiah fleißig Notizen, während er beobachtete, wie Finn verängstigt versuchte, einen Weg hinaus zu finden. Doch es war ihm nicht möglich, da Jeremiah per Fernbedienung von seinem Schreibtisch aus die Tür verschlossen hatte, nachdem sie hinter John zugegangen war. Nach einiger Zeit gab Finn schließlich auf und ließ sich haltlos schluchzend auf die Knie sinken.

 

Jeremiah kam langsam auf den Jungen zu und ging neben ihm in die Hocke. Als er beschwichtigend seinen Arm um die Schultern des Kindes legen wollte, schlug Finn diesen zurück und wich von ihm. Jeremiah seufzte, das würde noch schwieriger werden, als er erwartet hatte. Noch einmal versuchte er, ihm den Arm um die Schultern zu legen und diesmal war die Gegenwehr wesentlich geringer. Sanft zog er den Jungen wieder auf die Füße und geleitete ihn zu einer Couch.

 

"Setz dich, Finn", sagte Jeremiah, während er seinen Schreibtischstuhl heranzog und ebenso Platz nahm. Er reichte seinem jungen Patienten ein Papiertaschentuch.

 

"Magst du etwas trinken?", fragte Jeremiah freundlich, doch Finn schüttelte den Kopf und blickte zum Boden. Jeremiah nickte daraufhin nachdenklich und nahm seinen Block zur Hand.

 

"Ich weiß, du wirst mir jetzt noch nicht antworten und es wird so seine Zeit brauchen, aber ich werde dir diese Fragen jeden Tag stellen, bis du etwas sagst. Wenn es bei mir noch nicht klappt, wird Dr. Heightmeyer das fortführen. Weißt du, wir wollen dir helfen. Auch wenn du es jetzt nicht glaubst, irgendwann wirst du dankbar dafür sein. Aber du musst uns dabei helfen, okay?"

 

Finn sah kurz auf. Helfen? Er sollte ihnen helfen, damit sie ihm halfen? Wie sollte das gehen? Er war doch kaum in der Lage sich selbst zu helfen.

 

"Finn, wünschst du dir, dass John Sheppard hier wäre?"

 

Er nickte. Jeremiah schrieb etwas nieder und sah den Jungen an.

 

"Gut, aber dafür musst du etwas tun."

 

Und wie als hätte jemand in seinem Kopf einen Schalter umgelegt, rutschte Finn langsam von der Couch herunter auf die Knie und wollte an Jeremiahs Hose herum nesteln. Dieser bemerkte natürlich, was Finn vorhatte und ergriff dessen Handgelenke. Sanft aber äußerst bestimmt bugsierte er den Jungen zurück auf die Couch.

 

"Das nicht, Finn", sagte er und versuchte dabei so ruhig wie möglich zu klingen. In Wirklichkeit aber war er innerlich gerade am Kochen. Wie konnte jemand einen unschuldigen kleinen Jungen soweit bringen, dass er so etwas tat, nur um einen einfachen Wunsch erfüllt zu bekommen. So etwas hatte er in seiner ganzen bisher 27-jährigen Berufslaufbahn noch nicht erlebt und da er für das Militär arbeitete, konnte er von sich behaupten, dass er schon eine Menge erlebt hatte. Jeremiah atmete tief durch und verschluckte sich dabei beinahe als er Finn sagen hörte: "A-aber ich...ich sollte doch etwas t-tun, damit John wiederkommen kann."

 

"Du liebe Zeit", sagte Jeremiah kopfschüttelnd und begab sich auf Augenhöhe mit Finn, "doch nicht so etwas. Finn, was man dir da angetan hat, ist unverzeihlich und nichts in der Welt kann das wieder gut machen. Aber es ist vorbei, ein für alle Mal. Du musst nie wieder etwas tun, das du nicht möchtest, schon gar nicht in der Hinsicht."

 

"A-aber."

 

"Ein Bild, Finn. Ich möchte nur, dass du mir ein Bild zeichnest. Ein Bild davon, was in dir drin vorgeht. Du kennst doch bestimmt den Spruch: Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Weißt du, manchmal stimmt das sogar. Wirst du das für mich tun?"

 

Finn nickte langsam und mit einem Augenzwinkern sagte Jeremiah: "Okay, dann rufe ich den Colonel rein und du setzt dich dort drüben an den Tisch und zeichnest, was in dir steckt. Ich verlange kein bestimmtes Motiv von dir. Zeichne das, was dir einfällt, okay?"

 

Der Junge nickte erneut und begab sich langsam zu einem separaten Tisch am anderen Ende des Zimmers. Dort lagen mehrere Blatt Papier und verschiedenfarbige Stifte bereit. Auf halben Weg dorthin hörte er, wie Jeremiah John hereinbat und beinahe im selben Augenblick glitt die Tür auf. Finn wirbelte herum und sah zur Tür, durch die John nun mit Addie auf dem Arm herein kam. John setzte Addie auf den Boden, woraufhin sie sofort auf den Jungen zu tapste.

 

"Hey", begrüßte John seinen Schützling, "na, alles klar?"

 

Finn legte den Kopf schief und zuckte mit den Schultern, wie er es immer tat, wenn er sich nicht sicher war. Wortlos drehte er sich wieder um und setzte sich an den Tisch, um zu zeichnen, während John erwartungsvoll Platz nahm.

 

"Was war los, während ich weg war?"

 

"Das unterliegt eigentlich der ärztlichen Schweigepflicht, aber da mein Patient noch minderjährig ist und Sie die Verantwortung für ihn übernommen haben, kann ich es Ihnen sagen. Also, es ist so, dass ich noch gar nicht so viel berichten kann. Was offensichtlich ist und wohl auch ein wesentlicher Aspekt in seiner Therapie sein wird: er klammert unwahrscheinlich, obwohl er auf der anderen Seite sehr verschlossen ist."

 

"Klingt widersprüchlich."

 

"Das ist es in der Tat. Ich denke auch, dass die Verschlossenheit zum einen auf seine Tages- beziehungsweise Stundenform ankommt, was bei ihm sprunghaft wechseln kann. Und natürlich ist auch sein Gegenüber ein wichtiger Faktor. Wie Sie sicher schon selber mitbekommen haben, öffnet er sich Ihnen gegenüber wesentlich schneller und bereitwilliger als zum Beispiel mir gegenüber. Er hat, wie ich aus Unterhaltungen mit Colonel Samantha Carter erfahren habe, auch wesentlich weniger Aversionen gegenüber Frauen als gegenüber Männern."

 

"Ich weiß, das hat mir Beckett schon erzählt."

 

"Gut. Nun, Sie dürften Finns Reaktion vorhin mitbekommen haben, als ich Sie aus meinem Büro geschickt hatte."

 

John nickte.

 

"Finn...nun, er zeigt starke Tendenzen zu klammern."

 

"Oh ja, aber wir hatten schon davor eine enge Beziehung zueinander. Ich glaub, ich bin für Finn so etwas wie ein Vaterersatz und das will ich auch bleiben."

 

"Natürlich, es sagt ja auch niemand, dass Sie damit aufhören sollen. Im Gegenteil, ich finde es sehr gut, dass Sie sich seiner annehmen. So hat Finn jemanden, an den er sich halten kann. Aber um ihm ein möglichst normales Leben zu ermöglichen und Sie nicht von Ihren militärischen Pflichten abzuhalten, ist es von Nöten, dass er wieder lernt, über einen gewissen Zeitraum allein bleiben zu können beziehungsweise zu lernen, sich zu beschäftigen. Deswegen finde ich es auch sehr gut, dass der Junge den Hund behalten darf. Vielleicht kann der Kleine uns helfen, damit wir einen Weg finden, wie Finn wieder ein normales Leben führen kann. Aber das wird eine ganze Weile dauern, so viel kann ich Ihnen schon einmal sagen."

 

"Tja, damit rechne ich. Dr. Weir hat mir nach der Ankunft in Atlantis noch vier Wochen Urlaub zugesprochen, aber ich bezweifle, dass das reicht."

 

"Das reicht nicht im Geringsten, da gebe ich Ihnen recht, aber Sie haben auch Ihre Pflichten zu erfüllen. Ich denke, bis dahin werden wir auch dafür eine vernünftige Lösung gefunden haben."

 

"Oh, Addie.", ertönte auf einmal Finns Stimme. John drehte sich zu dem Jungen um und sah sofort den Grund für dessen Ausruf. Addie hatte ein hübsches Häufchen neben dem Tisch hinterlassen, an dem Finn zeichnete.

 

"Was…ich war doch gerade noch Gassi mit dir", brummelte John. Auch Jeremiah hatte sich vorgebeugt, um die Quelle des Aufruhrs zu begutachten. Er gluckste vergnügt, als er sah, was geschehen war.

 

"Ach was, das ist nicht schlimm. Sie ist doch noch jung. Lassen Sie mich das machen."

 

John nahm derweil den Welpen auf und bergab ihn an Finn, während Jeremiah das Missgeschick wegwischte. Als alles wieder sauber war, nahm Jeremiah den Colonel noch einmal zur Seite und sagte: "Es gibt da noch etwas, das Sie wissen sollten."

 

"Ja, und was?", fragte John, der Finns Blick im Rücken spürte. Jeremiah senkte seine Stimme noch ein wenig. Er wollte dem Jungen einige Peinlichkeiten ersparen und doch musste auch dieses Thema angesprochen werden…irgendwie.

"Finn scheint noch nicht ganz begriffen zu haben, dass er jetzt gewisse Dinge nicht mehr tun muss."

 

"Und das heißt genau was?"

 

"Er…er glaubt, dass er zur Erfüllung von Wünschen immer noch eine gewisse Leistung erbringen muss…sexuelle Leistung."

 

John drehte sich zu Finn um, der inzwischen mit Addie auf dem Schoß am Tisch sein Bild weiterzeichnete und dabei ganz in eine andere Welt versunken schien. Er schüttelte den Kopf.

 

"Das…ist das wahr?"

 

"Ja, leider. Sie wissen ja, Dr. Heightmeyer wollte, dass ich die Sitzungen für sie aufzeichne, damit sie die Fortschritte besser dokumentieren kann."

 

"Aber wieso?"

 

"Das liegt sicher an dem Trauma und es wird dauern, bis er das überwunden hat. Ich will Sie nur vorwarnen. Wenn Finn meint, das in Ihrer Gegenwart tun zu müssen, dann halten Sie ihn ab. Erklären Sie es dem Jungen und wenn Sie sich dabei wiederholen. Ich weiß, das wird nicht einfach, aber er wird es irgendwann verstehen."

 

"Wie? Ich meine, ausgerechnet das, wie soll ich ihm ausgerechnet das erklären?"

 

"Tja, Sie kennen den Jungen am besten. Ich kann Ihnen nur raten, ruhig zu bleiben und Finn keine Angst einzujagen. Seien Sie sanft aber bestimmt, okay?"

 

"Sanft und bestimmt…gut, aber was sag ich ihm?"

 

"Das werden Sie wissen, wenn es soweit ist. Ich habe da kein Patent-Rezept."

 

"Sie sind sein Psychiater."

 

"Für den Übergang…Eigentlich therapiere ich erwachsene Menschen mit Kriegstraumata. Ich war nur der Einzige, der eine ausreichende Sicherheitsstufe hatte, deswegen haben sie mich genommen. Dr. Heightmeyer ist wesentlich besser geeignet für den Job. Sie hat auch kindliche Psychologie studiert. Für derartige Fragen ist sie die bessere Ansprechpartnerin."

 

"Verstehe."

 

"Tut mir leid, Colonel."

 

"Ist okay."

 

Jeremiah widmete sich wieder seinem Patienten. Kaum dass er den Tisch erreicht hatte, legte Finn seinen Stift beiseite und Jeremiah nahm das Bild entgegen. Er betrachtete es sehr lange mit einem Stirnrunzeln, dann zeigte er es John. Finn beobachtete die beiden schweigend, wie sie seine Zeichnung eingehend betrachteten. Nach etwa einer Minute setzte sich John zu ihm, während sich Jeremiah den beiden gegenüber setzte.

 

"E-es ist schlecht, nicht wahr?", murmelte Finn, aber Jeremiah schüttelte energisch den Kopf.

 

"Nein, Finn. Erstens gibt es keine schlechten Bilder und zweitens sehe ich, du hast Talent."

 

Finn sah Jeremiah kurz ungläubig an und senkte dann wieder seinen Blick. Jeremiah räusperte sich.

 

"Und…willst du uns sagen, was du gezeichnet hast?"

 

Finn schüttelte den Kopf. Es war doch offensichtlich, was er gezeichnet hatte, nämlich genau das, was er fühlte: sich selbst winzig klein, einsam, nackt und wehrlos umgeben von Mauern und Stacheldraht ohne einen Weg nach draußen, wo alle fröhlich waren und keine Qualen erleiden mussten, so wie er. Die Schatten krochen auf ihn zu, ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte. Und wenn es noch eine dunklere Farbe als schwarz gäbe, Finn hätte sie in sein Bild eingearbeitet. Warum sollte er dazu noch Worte verschwenden?

 

"Nun gut, dann würde ich sagen, wir machen Schluss für heute. Ich denke, wir sehen uns morgen um die gleiche Zeit wieder. Ach, Colonel, um das Stottern machen Sie sich keine Sorgen, das vergeht wieder."

 

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Die restlichen Tage und Nächte während des Fluges der Daedalus nach Atlantis verliefen in ähnlicher Form. Wenn Finn etwas sagte, was nur sehr selten vorkam, so waren es nur wenige Worte und die waren fast ausschließlich an John gerichtet. Finn vertraute niemandem auf dem Schiff, außer John, doch auch bei ihm fiel es dem Jungen unendlich schwer, sich zu öffnen. Das einzige Wesen, mit dem er halbwegs vertraut umging, war Addie, die kleine Australian-Shepherd-Hündin. Sie spendete ihm auf ihre ganz eigene Art etwas Trost, was wohl daran lag, dass sie völlig unbefangen auf Finn zuging.

Das einzige, das John optimistisch stimmte, war die Tatsache, dass Finn nach etwa drei Tagen wieder anfing zu essen. Es hätte nicht mehr viel gebraucht und Carson hätte tatsächlich eine Zwangsernährung angeordnet. Obwohl es nur sehr wenig war und Finn diese Portionen in sich hinein zwang, sah er davon ab und er war sehr erleichtert darüber. Die Zwangsernährung hätte den Jungen nur noch zusätzlich belastet und die Folgen dessen wären nicht absehbar gewesen.

 

Was seine Visiten bei Dr. Jeremiah Andrews betraf, so verliefen sie ähnlich wie am ersten Tag. Jedes Mal schickte der Arzt John für etwa eine dreiviertel Stunde aus seinem Büro, um sich allein mit dem Jungen zu befassen und jedes Mal suchte Finn nach einem Weg nach draußen und jedes Mal scheiterte er. Aber Jeremiah bemerkte, dass diese Phasen mit jedem Tag kürzer wurden. Finn fügte sich in sein Schicksal und gewöhnte sich daran. Kurz vor der Ankunft in machte der Junge kaum noch Anstalten, hinter John herzulaufen, wenn dieser das Büro verließ. Er schaute ihm nur noch hinterher und sah noch eine ganze Weile seufzend auf die Tür, nachdem sie zugegangen war. Es ergaben sich auch keine wirklichen Gespräche zwischen Finn und Jeremiah, der Junge beantwortete manche Fragen nur sehr knapp und zu den meisten schwieg er noch beharrlich, besonders dann, wenn es darum ging, herauszufinden, was Finn fühlte. Jedoch erfüllte er dennoch jeden Tag bereitwillig seine Aufgabe, Bilder zu zeichnen und manchmal antwortete er sogar, wenn Jeremiah ihn darüber ausfragte, doch meist bestanden diese Antworten lediglich aus Nicken oder Kopfschütteln oder seiner typischen Unsicherheitsgeste.

 

----------

 

Es war der sechste Tag auf der Daedalus an einem Morgen in der Mensa, als John und Finn an einem Tisch saßen und aßen. Genauer genommen saß John nur da und wartete auf seinen Schützling, der schon eine halbe Stunde an seinen Frühstücksflakes herumstocherte, die in der Milch schon ganz aufgeweicht waren. Inzwischen durfte Finn sich offiziell ohne Rollstuhl fortbewegen, auch wenn die Wege zu Fuß noch viel Zeit in Anspruch nahmen.

 

An jenem Morgen betrat Elizabeth Weir die Mensa und kam auf John zu. Mit gedämpfter Stimme sagte sie zu ihm: "Colonel, ich habe eine Nachricht für Sie von der Erde."

 

"Okay", erwiderte er und mit einem Nicken zu Finn meinte er: "ich bin gleicht zurück. Nicht weglaufen."

 

Finn nickte, während John aufstand und sich mit Elizabeth ein wenig von dem Tisch entfernte.

 

"Was gibt es denn?", fragte er mit ebenfalls gesenkter Stimme.

 

"Das kam vorhin von General O'Neill. Er sagt, man habe vor einigen Tagen den Ort ausfindig machen können, an dem Finn und noch einige andere Kinder gefangen gehalten wurden. Und er entschuldigt sich für die verspätete Berichterstattung, er hatte viel mit den Ermittlungen zu tun."

 

"Schon klar. Diese anderen Kinder, sind sie…leben sie noch?"

 

"Ja, es geht ihnen den Umständen entsprechend gut."

 

Plötzlich hörten die beiden etwas klirren und fuhren um. Finn war aufgesprungen und hatte dabei seinen Löffel fallen lassen. Langsam kam er auf die beiden zu und auf halbem Wege fragte er: "S-sie leben noch? Céline, Jamey und Sarah?"

 

"Sie, „h, ja…wie hast du-?", wollte John wissen. Die beiden hatten sich doch so leise unterhalten, dass Finn sie hätte unmöglich verstehen können.

 

"Mein Gehör", antwortete Finn, "Martha...w-was ist mit Martha? Lebt sie noch? Geht es ihr gut?"

 

Elizabeth überlegte kurz und antwortete dann: "Ja, der General hatte auch eine Frau erwähnt. Sie wurde vorläufig in Haft genommen, aber es schien ihr auch gut zu gehen."

 

"M-Martha wurde verhaftet?!"

 

"Ja, aber inzwischen ist sie wieder frei. Soweit ich weiß, hat das auch der General veranlasst. Es gab keine schlüssigen Hinweise, dass sie etwas damit zu tun hatte."

 

"H-hat sie auch nicht!", ereiferte sich Finn, "sie w-war die Einzige, die uns wenigstens e-etwas geholfen hat."

 

"Wie geholfen?", fragte Elizabeth. Die Neugier hatte sie gepackt und je mehr sie jetzt von Finn erfuhr, umso besser war das für die Ermittlungen.

 

"Äh, das sollten wir vielleicht woanders besprechen", warf John ein, dem nicht unbemerkt geblieben war, dass sich immer mehr Leute neugierig nach den dreien umgedreht hatten. Elizabeth nickte.

 

"In meinem Quartier", sagte sie und ging voran. Finn und John folgten ihr.

 

In Elizabeths Quartier angekommen, bot sie den beiden an, sich zu setzen. Sie selber nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz und beobachtete Finn aufmerksam, der auf seinem Stuhl nervös hin und her rutschte. Er hatte lange auf eine Nachricht über seine Mitgefangenen gewartet, aber er hatte nicht daran gedacht, dass er daraufhin selber Angaben machen musste.

 

"Also, Finn, wer genau ist diese Martha?", fragte Elizabeth. Sie wählte diese Frage mit Bedacht, da sie zwar Informationen haben wollte, aber auf der anderen Seite wusste, dass sie behutsam mit ihm umgehen musste. Dennoch war Finn unsicher. Sein Blick suchte den Johns, denn er brauchte Rat. Was sollte er sagen und wie viel?

 

"Du kannst es ihr sagen, es ist okay", sagte John. Daraufhin gab sich Finn einen Ruck und begann langsam und stockend zu erzählen:

 

"Martha…s-sie war D-Davenports Frau.das heißt, das ist sie noch i-immer. A-aber sie war nicht wie er! Sie war wie wir ein Opfer seiner Übergriffe. E-er hat sie geschlagen u-und vergewaltigt. Aber sie war mutig und hat sich um uns gekümmert. O-ohne sie wären wir verhungert. S-sie hat uns g-geholfen, dort drin zu überleben u-und unsere Verletzungen kuriert...naja, soweit es g-ging. S-sie war früher mal Krankenschwester, wissen Sie? M-Martha hat nichts Schlechtes getan."

 

Elizabeth nickte. Finn musste diese Martha sehr mögen, dass er sie so verteidigte. Ihr fiel ein, was Jack O'Neill zum Auffinden der Frau gesagt hatte und sie entschloss sich, es Finn zu sagen, denn sie war der Meinung, er hätte ein Recht darauf, war Martha so etwas wie eine Leidensgenossin und vor allem Bezugsperson während der vergangenen Monate. Sie saß ebenfalls in diesem Erdloch, das von außen verschlossen war. Es war kaum mehr etwas zu essen da, alle vier Personen waren sehr geschwächt und dennoch versuchte Martha die Kinder zu verteidigen. Als ihr bewusst wurde, dass es sich dabei aber um eine Befreiung handelte, war sie weinend zusammengebrochen und als man sie in Handschellen abführte, zeigte sie keine Anstalten sich zur Wehr zu setzen. Jack hatte erzählt, dass sie während der Untersuchungshaft unentwegt nach Finn und den anderen gefragt hatte und wissen wollte, ob es ihnen gut ging. Sie war sehr kooperativ gewesen und hatte geholfen, den Jungen zu identifizieren, der Anfang des Jahres tot aufgefunden und irrtümlich für Finn gehalten worden war. Martha soll sehr erleichtert gewesen sein, als sie gehört hatte, dass Finn, der Jüngste, noch am Leben und in Sicherheit war. Sie beschuldigte ihren Mann und seine Handlanger schwer und reichte noch am Tag ihrer vorläufigen Festnahme die Scheidung im Eilverfahren ein. Jack hatte schon bald Gewissheit, dass Martha selber Opfer ihres Mannes war. Dafür sprachen nicht zuletzt ihr Auffindungszustand und die Ergebnisse der Kontrolluntersuchung. Am folgenden Tag wurde Martha in die Freiheit entlassen und sie begab sich auf der Stelle in psychologische Behandlung. Außerdem trat sie mit den Eltern der entführten Kinder in Kontakt, soweit sie diese erreichen konnte.

 

Es entstand eine gespannte Stille im Raum. Elizabeth und John brannten noch so viele Fragen auf der Seele, doch sie waren nicht sicher, ob sie diese stellen sollten. Die beiden wussten, dass Finn irgendwann eine Aussage machen musste und dass diese alles andere als leicht werden würde, aber noch würden sie ihn schonen und ihm Zeit geben, sich etwas von den Qualen zu erholen.

 

John räusperte sich und sagte zu dem Jungen: "Das hast du wirklich gut gemacht, Finn. Es gibt noch sehr viel, das wir wissen müssen, aber ich denke, noch ist nicht die Zeit, dass du uns das sagen musst. Allerdings, wenn du etwas loswerden willst, wir haben immer ein offenes Ohr, okay?"

 

Finn nickte. Er war erleichtert zu hören, dass es Martha gut ging und dass sie frei war, aber noch erleichterter war er, dass er an jenem Tag keine Fragen mehr beantworten musste.

 

"General O'Neill hat auch gesagt, dass, so wie die Ermittlungen jetzt laufen, etwa in acht bis neun Monaten mit der Anklageverkündung und dem Prozess gerechnet werden kann. Im Moment sitzen Davenport, LeVine und Darcy in Untersuchungshaft und das FBI rollt sämtliche ungeklärten Vermisstenfälle von Kindern der letzten 12 Jahre auf", erklärte Elizabeth und an Finn gewandt sagte sie: "Ich soll dir von Jack und den Kids Grüße ausrichten."

 

Und das erste Mal seit seiner Befreiung huschte so etwas wie ein Lächeln über Finns Lippen. Er war so froh, dass die anderen es auch überlebt hatten. Nur um Cody war es schade. Finn würde ihn vermissen, seinen großen Bruder auf Zeit. Er hatte ihn wirklich gemocht und sein Tod war so sinnlos gewesen. Doch im Moment überwiegte die Erleichterung über die Rettung der anderen und dass sie wieder bei ihren Familien sein konnten. Finn wusste, dass ihnen ein ähnlich schwerer Weg bevorstand wie ihm und er sorgte sich darum, dass einer von ihnen dem nicht gewachsen sein könnte, aber als er zu John herüber sah, der ihn angrinste wie ein Honigkuchenpferd, nur weil Finn ansatzweise ein Lächeln zustande gebracht hatte, wusste er, er würde sein Bestes geben, um es zu schaffen.

 

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Später am selben Tag fand Finns erste Physiotherapie-Stunde statt, die Carson angeordnet hatte, um die geschwächten Muskeln des Jungen wieder einigermaßen in Schuss zu bringen. Finn graute es davor, seine Berührungsängste waren immer noch enorm und Physiotherapie hörte sich nach sehr viel Berührung an. Wenigstens verlor er langsam seine Scheu vor Carson, der ihm jeden Tag aufs Neue beteuerte, dass er nicht da war, um Finn zu quälen. Aber Finn gewöhnte sich schließlich auch an die vielen Antibiotika-Spritzen, die er gegen seine Lungenentzündung bekam (und von denen er dachte, sie seien unnötig, hatte er doch hinsichtlich dieser Sache keine Beschwerden) und an das Abtasten und Röntgen seines Brustkorbes. Er sperrte sich einzig und allein gegen die Rektaluntersuchungen. Dabei gab es immer Probleme und Finn wehrte sich mit Tritten, Kratzen und Beißen dagegen, doch am Ende half alles nichts. Mit einer leichten Sedierung landete ein ums andere Mal er auf der Behandlungsliege. Doch nach etwa vier Tagen meinte Carson, dass jene unangenehmen Untersuchungen nicht mehr nötig seien und alles nach seinen Vorstellungen abgeheilt war, was bei seinen Assistenten ein kollektives Aufatmen der Erleichterung hervorrief.

 

Dennoch hatte Finn einiges Magengrummeln, als er zusammen mit John die Krankenstation der Daedalus betrat. Umso beruhigter war er, als Carson John einlud, dieser Therapiestunde beizuwohnen. Carson erklärte Finn jeden einzelnen Handgriff, den er tun musste, um die Muskeln des Jungen aufzubauen und Finn beobachtete ihn genau. Anfangs sträubte er sich dagegen, dass Carson ständig seine Beine anfasste, doch nachdem dieser ihm eindringlich erklärt hatte, wozu diese Sache gut war, ließ er sich auf diese Übung ein und streckte artig seine Beine aus beziehungsweise zog sie an, je nachdem, wie Carson es gerade wollte. Als zweite Übung, die im Grunde dieselbe war wie die erste, sollte Finn Carsons Hand wegdrücken, die er gegen dessen Fuß hielt. Carson baute einigen Druck auf und Finn fiel diese Übung anfangs gar nicht so leicht, doch nach einigen Wiederholungen lief es beinahe wie geschmiert und Carson wechselte den Fuß. Am Ende der Stunde gab er John noch einige Tipps mit auf dem Weg, wie er Finn auch unterstützen konnte und wies die beiden an, am nächsten Nachmittag zur selben Zeit also eine Stunde nach der Sitzung mit Dr. Andrews wieder zu kommen.

 

Somit hatte Finn einen geregelten Tagesablauf bekommen, der, wie Jeremiah sagte, unabkömmlich für seine Genesung war.

 

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Nach exakt 18 Tagen landete die Daedalus in Atlantis. An diesem Tag war Finn äußerst aufgeregt, nach Monaten des Leidens würde er sein geliebtes Atlantis wiedersehen. Er konnte es kaum erwarten, die Stadt wieder in Augenschein zu nehmen und das Meer zu riechen. Wenn er die Augen schloss, glaubte er sogar schon die Wellen gegen die Piere der Stadt schlagen zu hören. Den ganzen Morgen streifte er durch das Quartier wie ein Tiger durch seinen Käfig, war schon lange vor John wach gewesen. Das lag neben der Aufregung auch an den Alpträumen, die ihn jede Nacht heimsuchten. Diesmal war es ganz besonders schlimm gewesen. Er hatte wieder bei John Unterschlupf gefunden und gehofft, den Träumen zu entgehen, doch es hatte nicht funktioniert. Nachdem er das dritte Mal aus einem Nachtmahr aufgeschreckt war, hatte er die restlichen Stunden dieser Nacht damit zugebracht, auf die Uhr zu starren, die Minuten zu zählen und sich auf die Ereignisse des Tages vorzubereiten. Gegen 6 Uhr stand er schließlich auf und zog sich um. Danach ging Finn mit Addie Gassi, um seine müden Knochen etwas aufzulockern.

 

Nach dem Frühstück begleitete er John gleich zur Kommandobrücke. Sowohl Carson als auch Jeremiah hatten ihre Sitzungen für diesen Tag ausgesetzt, was Finn ganz gelegen kam, denn so konnte er die Landung hautnah miterleben.

 

"Oho, hoher Besuch", begrüßte Steven Caldwell die beiden, als sie die Brücke des Schiffs betraten. Er nickte Finn zu und fuhr dann mit seiner Arbeit fort. Rodney McKay, der sich ebenfalls auf der Kommandobrücke befand und mit Hermiod, dem Asgard, der die Technologie des Schiffes überwachte, einige Daten durchging, sah auf. Kurzerhand ließ er den kleinen grauen Außerirdischen stehen, der unberührt weiter seiner Arbeit nachging und ging auf Finn zu.

 

"Hi, „äh...schön, dich zu sehen, ja...ähm, wie geht's?", fragte Rodney unbeholfen. Er wusste nicht genau, wie er mit dem Jungen umgehen sollte, schließlich hatte ihm jeder gepredigt, er solle vorsichtig sein.

 

"Geht so", antwortete der Junge und sah John hinterher, der sich von den beiden entfernt hatte, um mit Caldwell zu reden.

 

"Okay, ähm...willst du dir die Landung mit ansehen? Ich…wir treffen gerade die letzten Vorbereitungen."

 

Finn nickte und folgte Rodney zu Hermiod hinüber. Dort setzte er sich auf einen freien Stuhl und beobachtete den Wissenschaftler und den Asgard bei der Arbeit. Schon bald war aus dem unbeholfenen Rodney von eben der besserwisserische und rechthaberische Rodney geworden, den Finn von früher her kannte.

 

Die Landung selbst ging schnell von statten. Ein leichtes Beben durchfuhr das Schiff, als es am Ostpier von Atlantis aufsetzte. Auf Befehl Caldwells blieben alle an ihren Plätzen, bis die Daedalus zum völligen Stillstand gekommen war. Doch als es soweit war, gab es für Finn kein Halten mehr. Er lief zum Quartier, um Addie zu holen und gerade, als er es zusammen mit dem Welpen verließ, hatte John ihn eingeholt. Gemeinsam gingen sie zur Eingangsluke. Dort angekommen, legte John eine Hand auf die Schulter des 13-Jährigen.

 

"Bereit?", fragte John. Finn nickte und im selben Augenblick begann sich langsam die tonnenschwere Eingangsluke zu öffnen und als diese den Boden der Stadt berührte, setzte sich Finn in Bewegung. Ganz langsam, Schritt für Schritt mit Addie auf dem Arm und John neben sich ging er die Rampe hinab. Dabei schweifte sein Blick über die Stadt und er wusste, endlich war er zuhause.

 

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Also, ich warte wie immer auf Kommies XD...

 

kindliche Psychologie ist ein fester Begriff, also wundert euch nicht . Das ist halt eben der Bereich der Psychologie, der sich mit den Kids beschäftigt. Klingt komisch, ist aber so XD

Oct. 26th, 2007

count, too, can

Kapitel 6...endlich mal...

Nyo, ich sitz in der Uni und werd andauernd von Alice angepisst...nebenher hör ich mir allerdings mal echt was interessantes an...okay, normalerweise lassen sich Uni und interessant nicht unbedingt in Einklang bringen, aber hey, es ist Koreanische Kultur!!! *fähnchenschwenk*. Gut, und nun zum wichtigsten Teil meiner Arbeit, klein Finn am Posten einer SGA-FF. Und das schon bei Kapi 6 *meow*. So langsam geht's voran *gg*...

Btw. mein Daddy hat heute Bürzeltag, also herzlichen Glücksstrumpf dahin *megaknuddl*

VI. COMING HOME

Der nächste Morgen und zugleich vorletzte Tag auf der Erde brach sehr früh in einer ungewöhnlichen Hektik an. Noch als Finn tief und fest schlief, strömten die verschiedensten Leute auf die Krankenstation, um sich davon zu überzeugen, dass Finn auch wirklich noch am Leben war. Doch bis Carson einschritt und alle, bis auf das Personal und John Sheppard verjagt hatte, dauerte es gerade einmal zweieinhalb Minuten. Er versprach jedoch, dass zu gegebener Zeit einzelne kurze Besuche möglich sein würden.

„Hey Doc, ich glaub, er wacht auf“, rief John leise, der nicht eine Sekunde von Finns Seite gewichen war. Carson kam sofort hinzu geeilt. Ganz langsam öffnete Finn die Augen und streckte sich ein wenig. Eine ganze Weile verging, in der der Junge versuchte, sich zu orientieren, aber als er Carson erblickte, wurde sein Blick auf einmal ganz starr und er verkrampfte seinen ganzen Körper.

„Das hab ich befürchtet“, seufzte Carson. Er wusste, dass dem Kleinen der Schreck über die Betäubung und die anschließenden Untersuchungen noch in den Gliedern steckte, „hey. Es tut mir leid Finn, ich hätte dich warnen müssen.“

„Warnen?“, fragte John dazwischen, dem die Reaktion seines Schützlings natürlich nicht entgangen war, und er nahm den Arzt zur Seite.

„Ja…ich habe ihn gestern ein bisschen überfallen. Es ging um Untersuchungen, die ganz dringend gemacht werden mussten. Es tut mir wirklich sehr leid, aber ansonsten wären seine Verletzungen unter Umständen noch schlimmer geworden.“

„Schon klar, aber wie erklären Sie das Finn?“

Carson zuckte hilflos mit den Schultern: „Uns fällt schon etwas ein.“

„Uns?!“

„Naja, ich geh davon aus, dass er Ihnen mehr traut, als mir. Oh, da fällt mir ein, ich wollte mir was zu essen besorgen. Soll ich Ihnen beiden was mitbringen?“

Mit diesen Worten war Carson auch schon auf halbem Wege aus der Krankenstation.

„Äh…na, okay, was leichtes“, erwiderte John leicht verwirrt. Irgendwie konnte er Carson nicht böse sein. Er hoffte nur, dass der Arzt mit seiner Annahme auch Recht hatte. Seufzend drehte er sich wieder zu Finn um und bemerkte, dass dieser die beiden Männer aufmerksam, sogar äußerst misstrauisch, beobachtet hatte. Kopfschüttelnd setzte er sich wieder.

„Entschuldige“, sagte John leise und stützte seinen Kopf mit den Händen. Er hatte mal wieder Kopfweh und das gefiel ihm so gar nicht. Finn hingegen beobachtete ihn immer noch aufmerksam. Bisher hatte er kein Wort gesagt. John sah auf und wandte sich an den Jungen.

„Ich…du-du weißt, dass Carson dir nur helfen will, oder?“

Daraufhin wandte Finn den Blick ab und krallte sich an der Decke fest. Auf der einen Seite wollte er fliehen, aber eine Stimme in ihm sagte, es sei okay, zu bleiben. Es gäbe keinen Grund mehr zur Flucht. Er atmete tief durch. Dennoch, die Angst ließ ihn einfach nicht los.

„Wirklich, er wollte dir nichts tun. Niemand will dir mehr wehtun. Ich…ich weiß nicht, was man dir angetan hat –“, als er Finns erschrockenen Blick sah, fügte er schnell hinzu, „und das musst du mir auch jetzt nicht sagen. Ich möchte nur, dass du weißt, wir alle wollen, dass es dir wieder gut geht, ver-verstehst du das?“

Mit jedem Wort war Johns Stimme zittriger geworden. Finn, der schon immer sehr sensibel auf solche Dinge reagiert hatte, rutschte in seinem Bett etwas hoch, um in eine aufrechtere Position zu gelangen, was ihm vor Schmerz beinahe den Atem raubte. Er griff sich an die Brust, so eine gebrochene Rippe war nun wirklich kein Kinderspiel. Doch er schüttelte diesen Schmerz ab und sah John ins Gesicht. Das erste Mal, dass er seit seiner Entführung jemanden direkt ansah. Waren das etwa Tränen? Das erschreckte Finn zutiefst. Bisher war John für ihn immer der Inbegriff von Stärke gewesen, normalerweise suchte der Junge ausschließlich Trost bei ihm.

Er legte vorsichtig eine Hand auf Johns Schulter und suchte nach einer Miene, die halbwegs fest und entschlossen war, was ihm aber so gar nicht gelang. Finn hatte gespürt, wie sein Gegenüber zusammenzuckte. Tränen stiegen ihm in die Augen. Binnen eines Bruchteils einer Sekunde war ein neues Gefühl in ihm erwacht: Hoffnung. Hoffnung, nicht mehr allein sein zu müssen, Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde. Weinend warf sich Finn in Johns Arme.

John fing ihn auf und hielt ihn ganz fest. Er hatte den Jungen so lange und schmerzvoll vermisst und er wusste, dass er nie wieder derselbe sein würde. Und doch war er heilfroh, dass er hier war, dass er ihn umarmen konnte.

„Ich hab dich so vermisst“, wisperte John und strich Finn sanft über den Rücken. Er wusste, dass eine schwere Zeit für beide anbrach und er wusste, dass sie den Weg nur gemeinsam gehen konnten. Gemeinsam oder gar nicht. Allein konnte Finn das nicht schaffen. Aber er würde ihm helfen und ihm in jeder kommenden Situation beistehen, egal, wie schwer der Weg werden würde. Auch wenn er nicht wusste, ob er selbst stark genug dafür wäre.

Ein Räuspern unterbrach die zerbrechliche Idylle dieser Umarmung. Carson Beckett war schon vor einigen Minuten auf die Krankenstation zurückgekehrt und hatte die Szene beobachtet. Er war überrascht von Finns Reaktion, er hatte so etwas nicht erwartet. Dieser Anblick berührte sein Herz zutiefst, was nicht nur daran lag, dass Carson ohnehin ein sehr emotionaler Mensch war. Schnell wischte er sich mit dem Ärmel seines Kittels über das Gesicht. Er wollte dieses ergreifende Bild nicht zerstören und doch war es nötig.

„Colonel“, begann er leise.

„Nicht jetzt“, erwiderte John, der dem noch immer schluchzenden Finn unaufhörlich beruhigend über den Rücken strich.

„Tut mir leid, aber…Finn muss was essen, damit er auch wirklich morgen früh mit nach Atlantis zurückkehren kann. Zudem stehen noch einige Untersuchungen auf dem Plan.“

Seufzend löste John die Umarmung auf. Finn rutschte tief in sein Kissen und zog die Decke bis an das Kinn, als Carson sich näherte. Sein Blick folgte argwöhnisch jeder einzelnen Bewegung des Arztes, welcher ein Tablett mit einer Schale Schokoladenpudding und einer Banane auf dem kleinen Tischchen neben Finns Bett abstellte. Er drückte John noch ein Sandwich in die Hand, bevor er sich wieder zurückzog. Erst als sich Carson etwa zwei Meter von seinem Bett entfernt hatte, schob Finn seine Decke etwas von sich und warf einen scheuen Blick auf das Tablett. John hatte diesen Blick bemerkt und sagte mit einem aufmunternden Lächeln: „Das ist deins. Du solltest was essen, damit du zu Kräften kommst.“

Schweigend nahm Finn daraufhin das Tablett auf seinen Schoß. Er stocherte mit dem Löffel in seinem Pudding herum, als würde er angestrengt über etwas nachdenken. Schließlich entschied er, doch etwas zu sich zu nehmen. Dann bemerkte er erst, wie groß sein Hunger überhaupt war und ehe er sich versah, war das Schüsselchen leer. Danach nahm er seine Banane in die Hand, begutachtete sie und ließ sie so unauffällig wie möglich unter seinem Kissen verschwinden, was unter den aufmerksamen Blicken von Carson und John natürlich unmöglich war. Flink angelte John die Frucht wieder unter dem Kissen hervor und legte sie zurück auf das Tablett, woraufhin Finn ihm einen äußerst entsetzten Blick schenkte. John ahnte, weshalb der Junge so gehandelt hatte und lächelte ihn beruhigend an.

„Schon okay, ich nehm sie dir nicht weg. Du brauchst kein Essen mehr bunkern, glaub mir, es gibt hier genug für dich.“

Der Rest des Tages verlief bis auf einen kleinen Aufstand Finns bei einer Untersuchung sehr ruhig. Bis zum Abend jedoch hatte der Junge noch kein Wort gesagt und Dr. Andrews, der ihm am Nachmittag einen Besuch abgestattet hatte, attestierte ihm einen vorübergehenden Sprachverlust aufgrund eines psychologischen Traumas. Laut seiner Prognose jedoch würde Finn sein Sprachvermögen bald komplett wiedererlangen. Auch Elizabeth hatte kurz vorbeigeschaut und Finn ihre Erleichterung mitgeteilt. Bevor sie die Station wieder verließ, drückte sie dem Jungen einen Schokoriegel in die Hand, von dem sie wusste, dass es Finns Lieblingssorte war.

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John hatte die letzte Nacht auf der Krankenstation verbracht, da Finn begonnen hatte, mit medizinischen Instrumenten, die er in die Finger bekam, um sich zu werfen, als er die Station verlassen und auf sein Quartier gehen wollte. Carolyn Lam, die Carson am Abend abgelöst hatte, hatte es ihm unter Auflagen und einem Augenzwinkern gestattet. Für John wurde es eine schlaflose Nacht. Finn hatte noch sehr lange wachgelegen und die Zimmerdecke angestarrt, bis ihn irgendwann die Müdigkeit übermannte. Doch die Ruhe hielt nicht lange an, denn immer wieder schreckte er schreiend und schweißgebadet aus Alpträumen hoch und war kaum zu besänftigen. John schob schließlich sein Bett an das des Jungen, denn erst, als er die Hand des Kindes hielt, beruhigte er sich ein wenig und schlief schließlich gegen halb vier am Morgen ein.

John schlug erst am Mittag die Augen wieder auf und sah, dass Finn in ziviler Kleidung aufrecht in seinem Bett saß und Sam Carter zuhörte, die ihm aus einem Buch vorlas. Nebenher knabberte Finn an dem Schokoriegel, den er von Elizabeth bekommen hatte. Sam sah kurz auf und nickte zu John.

„Guten Morgen, Colonel“, sagte sie lächelnd.

„Morgen, Carter“, murmelte John verkatert und streckte sich. Dann sah er zu Finn herüber und winkte ihm lächelnd zu, „Hey, Finn. Alles in Ordnung?“

Finn winkte scheu zurück und antwortete mit einem Schulterzucken. John gab sich mit dieser knappen Reaktion zufrieden, schwang sich von seinem Bett und schlüpfte in seine Turnschuhe.

„Ich hol uns was zu essen. Gibt es besondere Wünsche?“

„Obst“, antwortete eine zaghafte Stimme. John wandte sich überrascht um und starrte Finn an, der ihn mit unverwandtem Blick musterte. Er hatte damit nicht gerechnet. Auch Sam, der vor Überraschung das Buch aus der Hand geglitten war, sah Finn mit offenem Mund an.

„Ha-hast du gerade etwas gesagt?“, wollte er wissen.

„Obst“, wiederholte Finn lediglich und hüllte sich wieder in Schweigen.

„O-okay“, entgegnete John und nickte, „was für Obst?“

Daraufhin deutete Finn auf einen Papierkorb nahe der Tür, in der noch die Bananenschale vom Vortag lag. John quittierte dies mit einem Nicken und verließ die Krankenstation. Unterwegs traf er auf Rodney McKay, der, wie John selber, auf dem Weg zur Kantine war.

„John, Sie hier?“, begrüßte der Wissenschaftler den Colonel.

„McKay, hi…ja, ich will nur was zu essen besorgen und dann zur Krankenstation zurück.“

„Ah. Cool. Wie geht es Finn?“, wollte Rodney wissen. John zuckte daraufhin mit den Schultern. Wenn er ehrlich sein sollte, so konnte er darauf keine genaue Antwort geben. Er kannte zwar die klinischen Befunde und wusste, was Dr. Andrews zu Finns psychischem Zustand gesagt hatte, doch wirklich eine Ahnung hatte er nicht.

„Weiß nicht genau, aber ich fürchte, es geht ihm schlecht“, erklärte John, „er hat heute zum ersten Mal etwas gesagt, seit er hier ist.“

Rodney nickte. Auch wenn er es nicht zugeben wollte, es bedrückte ihn, zu hören, dass Finn so arm dran war. Rodney war schließlich in ganz Atlantis dafür bekannt, dass er Kinder nicht ausstehen konnte und doch war ihm Finn irgendwie ans Herz gewachsen. Die Art des Jungen hatte ihn beeindruckt. Er war clever und sehr viel erwachsener als andere Kids seines Alters und er war verdammt wissbegierig. Auf Schritt und Tritt hatte Finn den Wissenschaftler begleitet und wie ein Schwamm all das aufgesogen, was er erklärt, demonstriert oder simuliert hatte. Und nun tat es ihm leid, dass er manchmal ziemlich unfair und grob zu dem Jungen war. Er schüttelte den Kopf, um diese schwermütigen Gedanken loszuwerden. Schwermütig würde es noch oft genug werden.

„Was hat er denn gesagt?“, fragte Rodney.

„Ein Wort: Obst.“

„Obst?“

John nickte. Wenn es vorwärts ging, dann in kleinen Schritten, so viel war ihm klar. Als John die Kan-tine des SGC betrat, besann er sich noch einmal kurz auf die vergangenen eineinhalb Tage. Es war ihm so unwirklich vorgekommen, das Wiedersehen mit Finn. Und doch war es real und das erfüllte sein Herz mit einer ungewöhnlichen Wärme und mit Zuversicht. Er würde es schaffen, Finn zu helfen und mit einem Seitenblick auf Rodney wusste er, dabei würde er nicht allein sein.
Er folgte dem Wissenschaftlern zu einem Tisch, auf dem verschiedene Sandwiches, Kuchen und Obst lagen und bediente sich. Dann nahm er noch ein paar Flaschen Mineralwasser und verließ die Kantine wieder. Rodney kam ihm hinterhergelaufen.

„John, mir ist da noch etwas eingefallen“, sagte er.

„Was denn?“

„Bevor wir heute Nachmittag mit der Daedalus abfliegen, sollten Sie mit Finn noch einen kurzen Abstecher in den offiziellen Bereich des Stargate-Centers machen.“

„Wieso?“

„Kleine Überraschung. Das sollte ich von General Landry berichten.“

Johns Blick verfinsterte sich, als er den Namen des Generals hörte. Er hatte ihm immer noch nicht verziehen, dass er Finn damals aus Atlantis geholt hatte. Und das würde sich so schnell auch nicht ändern.

„Okay, ich werd sehen, was sich tun lässt“, brummte er.

„Ach ja, Sie sollten sich übrigens warm anziehen, ist ziemlich kalt draußen“, erklärte der Astrophysiker schmunzelnd und biss von einem Stück Marmorkuchen ab.

„Geht klar. Wann?“

„Gegen zwei in etwa. Abflug wäre dann um fünf.“

„Gut“, antwortete John und ließ Rodney stehen. Die letzten Meter auf dem Weg zur Krankenstation überlegte er, was sich hinter General Landrys Überraschung verbergen könnte, doch er kam auf keinen grünen Zweig.
Als er die Krankenstation betrat, lag ein leicht säuerlicher Geruch in der Luft. John sah, dass Finn auf der Seite lag und Carolyn mit einigen Ärzten um ihn herumschwirrten. Sam saß etwas abseits auf einem Stuhl und beobachtete die Szene leicht besorgt.

„Was ist denn passiert?“, fragte John, als er Sam erreicht hatte. Sie seufzte. Jetzt erst bemerkte er, dass sie ein anderes Oberteil trug als noch zehn Minuten zuvor.

„Naja, sie waren gerade fünf Minuten weg, da begann Finn fürchterlich zu husten und schließlich hat er sich übergeben…ich musste mein Shirt wechseln“, erklärte sie kurz.

„Und wie geht es ihm jetzt?“

„Keine Ahnung, John. Carolyn hat noch nichts gesagt.“
John nickte und sah zu Finn herüber, der immer noch auf der Seite lag. Carolyn strich dem Jungen beruhigend durch das Haar und näherte sich den beiden Offizieren.

„Was ist los?“, wollte John wissen.

„Ein kleiner Schwächeanfall. Es geht schon wieder“, antwortete Carolyn, „so etwas ist ganz normal und es wird sicher noch öfter passieren. Allerdings würde ich empfehlen, ihm die nächsten Tage nichts allzu fettiges zu essen geben. Vitamine in Form von Obst und Gemüse sind okay, aber fette Sachen und Süßigkeiten frühestens in ein oder zwei Wochen, in Ordnung?“

„Klar. Sagen Sie, kann er heute Nachmittag die Krankenstation verlassen?“

„Wann ungefähr?“

„Gegen zwei Uhr.“

Carolyn überlegte kurz und nickte dann: „In Ordnung, aber nur, wenn Sie ihm bis dahin etwas Ruhe gönnen, okay? Und nur mit Rollstuhl.“

„Okay, danke.“

Mit einem Lächeln verabschiedete sich Carolyn und wandte sich einem verletzten Soldaten zu, der von zwei Kameraden gestützt in die Krankenstation gehumpelt kam. John ging zu Finn herüber. Der Junge war leichenblass und starrte abwesend auf eine Wand. John deckte den Kleinen zu und wisperte: „Ruh dich aus, es gibt dann noch eine Überraschung.“

Dann setzte er sich wieder auf den Stuhl an das Bett und betrachtete Finn. Es dauerte nicht sehr lang, bis dieser die Augen schloss und einschlummerte. Sam setzte sich zu John und fragte flüsternd: „Was meinten Sie denn mit Überraschung?“

„McKay hat mir erzählt, dass Landry etwas plant, um zwei im offiziellen Bereich des SGC“, raunte John ihr zu. Sam nickte.

„Armes kleines Kerlchen“, murmelte Sam. John nickte. Dieser Satz hatte seine Gedanken auf den Punkt gebracht. Finn tat ihm unendlich leid.

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Gegen halb zwei wachte Finn langsam wieder auf. John, der die ganze Zeit bei ihm gewesen war, strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht des Jungen.

„Na, geht’s dir jetzt besser?“, fragte er sanft. Finn sah auf und nickte knapp.

„Super“, entgegnete John und an Sam gewandt fragte er: „Haben Sie noch Sachen von ihm hier? Jacke, Schal, so was in der Art?“

„Ich schau mal schnell nach, aber ich bin mir sicher, dass noch etwas da ist.“

Mit diesen Worten und einem verschwörerischen Augenzwinkern in Finns Richtung verließ Sam eiligst die Krankenstation in Richtung ihres Quartiers, das sie bezog, wenn sie abends mal nicht nach Hause kam. Finn blinzelte einige Male und sah John leicht verwirrt an, welcher lächelte.

„Schon vergessen? Es gibt da eine Überraschung für dich und danach geht es endlich nach Hause, nach Atlantis.“

Bei dem Wort Atlantis erwachten Finns leere Augen zu neuem Leben. Nach Hause, das erfüllte ihn mit einem Gefühl, was freudiger Neugier schon recht nahe kam. Ob sich in Atlantis etwas verändert hatte? Nach all der Einsamkeit, nach all dem Schmerz und der Dunkelheit hatte er es kaum noch für möglich gehalten, irgendwann heimzukehren. Doch jetzt schien eben jene Rückkehr in greifbare Nähe gerückt zu sein.

John packte indes sein Sandwich und die Bananen ein. Nur wenige Minuten darauf kehrte Sam zur Krankenstation zurück, voll bepackt mit einer dicken Daunenjacke, Schal, Mütze und Handschuhen für Finn, wo sie gemeinsam mit John Finn warm einpackte. John holte schnell einen Rollstuhl heran und half Finn, sich zu setzen. Dann verließen sie zu dritt die Krankenstation in Richtung Aufzüge, die zu den oberen, den offiziellen Levels führten. Finn drehte sich im Rollstuhl um und sah in die entge-gengesetzte Richtung.

„Wir gehen noch nicht zum Stargate“, erklärte John sanft, „die Überraschung findet oben im offiziellen Teil statt.“

Daraufhin ließ sich Finn wieder in den Stuhl sinken. Die Fahrt zu den oberen Levels schien Stunden für den Jungen zu dauern. Doch schließlich öffnete sich die Tür des Aufzugs und die Dreiergruppe wurde von General Landry und von Jack begrüßt. Finn ignorierte Landry und konzentrierte sich auf Jack, der sich zu ihm in die Hocke begeben hatte.

„Wie geht es, Partner?“, wollte er wissen. Finn musterte den General aufmerksam, bevor er schließlich den Kopf schieflegte. Schließlich übernahm John es, Jack zu antworten: „Es geht so. Besser als gestern.“

Jack nickte, klopfte Finn sanft und freundschaftlich auf die Schulter und stand wieder auf.

„Dann wollen wir mal“, sagte Jack und nickte zu Elizabeth Weir herüber, die neben einer Tür stand. Finn hatte sich in dem Flur des oberen Levels umgesehen und hatte alle entdeckt: Elizabeth Weir, Rodney McKay und Carson Beckett aus Atlantis sowie Teal’c, Daniel Jackson, Cameron Mitchell und Vala Mal Doran vom SG-1-Team. Dennoch konnte er die Leute nicht in den Gesamtkontext einord-nen. Was sollte die angekündigte Überraschung werden und weshalb musste er diese dicken Sachen tragen, in denen er schon einigermaßen ins Schwitzen gekommen war? Doch die Antwort folgte auf dem Fuße, als Elizabeth die Tür nach draußen aufstieß.

Obwohl es schon Mitte März war, lag draußen noch eine dicke Schneeschicht. Das erste, das Finn sah, als John ihn durch die Tür ins Freie schob, war ein riesengroßer Schneemann, der ihn angrinste. Doch dann schaute ein roter, wuscheliger Lockenkopf hervor. Tammy trat vor und blieb mit einem pelzigen Etwas im Arm in gehörigem Abstand zu Finn stehen. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, was sieh sah, brachte ihr Nervenkostüm beinahe zum zerspringen. Vor ihr saß der Junge, für den sie vielleicht mehr als nur Freundschaft empfand und doch schien es, als säße ein Fremder in dem Rollstuhl. Ein blasses, mageres Kind, zusammengesunken und Schmerzen unterdrückend sah sie überrascht an. Das Einzige, das Tammy wirklich an den lieben, stillen Schulkameraden erinnerte, waren die tiefblauen Augen, die in dem Moment aufblitzten, als er sie erblickte.

„Hey“, sagte Tammy schüchtern und kam einige Schritte auf Finn zu. Sie lächelte unsicher und hielt es für besser, stehen zu bleiben. Jack hatte ihr schließlich erzählt, dass es Finn nicht gut ging, sie wollte ihn nicht verschrecken. Vorsichtig setzte sie das kleine Fellbündel auf den Boden, das halb im Schnee versinkend die Nase nach seinem Frauchen reckte. Tammy strich dem etwa 10 Wochen alten Hundewelpen sanft über das Köpfchen, bevor sie sich wieder aufrichtete.

Finn hingegen hatte den Blick nicht von ihr genommen. Nicht, weil er misstrauisch war, sondern weil er überrascht war. Er mochte dieses Mädchen sehr, aber er hätte im Leben nicht daran geglaubt, dass sie hier herkam, um ihn zu sehen. Finn atmete tief durch und fasste sich ein Herz. Langsam richtete er sich in seinem Rollstuhl auf und sog scharf die kalte Luft ein. Die Wirkung der Schmerzmittel, die er wegen seiner Rippen bekam, ließ nach, aber das sollte ihn nicht von seinem Vorhaben abbringen. Vorsichtig setzte er seinen rechten, unverletzten Fuß von dem Trittbrett des Rollstuhls auf den Boden.

„Wow, was hast du vor?“, wollte John wissen, als er sah, was Finn plante. Dieser schüttelte kurz mit dem Kopf und setzte den anderen Fuß auf, was recht schmerzhaft war. Schließlich stützte er sich auf in den Stand. Und dann stand Finn. Er war zwar noch ziemlich wackelig auf den Beinen, aber er stand. Unter den erstaunten Blicken von John und den anderen setzte er einen Fuß vor den anderen. Er kam humpelnd nur langsam voran, doch schlussendlich stand er doch vor Tammy. Doch kaum, dass er bei ihr angekommen war, gaben seine Beine nach und er fiel auf die Knie. Tammy, die versuchte, Finn aufzufangen, sank ebenfalls in die Knie und nahm Finn in den Arm.

Im Schnee kniend erwiderte Finn die Umarmung. Dann stand Tammy wieder auf und bot Finn ihre Hand an. Er ergriff sie dankbar und ließ sich von ihr auf die Beine ziehen.

„Okay, wieder zurück?“, fragte sie lächelnd, woraufhin Finn nickte. Doch sie brauchten nicht weit gehen, da John den Rollstuhl zu ihnen geschoben hatte. Mit seiner Hilfe hievte sie Finn wieder in seinen Rollstuhl. Danach drehte Tammy sich zu ihrem Hundebaby um, hob es vom Boden auf und hielt es Finn vor die Nase, der das Mädchen verdutzt anblickte.

„Ich…ich will, dass du sie bekommst“, erklärte Tammy, „weißt du, ich kann sie nicht behalten. Meine Eltern sind dagegen und ich denke, die Kleine hier wird dir gut tun. Bitte, gib ihr ein Zuhause.“

Finn betrachtete den jungen Hund, der hechelte und versuchte, dem Jungen über das Gesicht zu lecken. Der Welpe war wie seine Mutter, Sadie, ein Australian Shepherd mit dem charakteristischen dreifarbigen Fell. Finn überlegte nicht lange und nickte. Dann sah er hinter sich zu Elizabeth, die ihm mit erhobenem Daumen zunickte. Tammy setzte den Welpen auf Finns Schoß.

„Danke“, flüsterte sie mit Tränen in den Augen, „ich bin so froh, Finn, so froh, dass du noch lebst.“

„H-hat sie einen Namen?“, fragte Finn heiser.

„Ähm, noch nicht…“, antwortete Tammy.

„Addie“, murmelte Finn nickend.

„Wie bitte?“

„Addie…ich nenn sie Addie.“

„Ah, ja, ein hübscher Name. Er passt zu ihr“, erwiderte Tammy lächelnd und an den Welpen gewandt sagte sie: „hi, Addie. Na, gefällt er dir?“

Addie hob die Pfötchen und versuchte, Tammys Schal zu erwischen, doch Finn hielt das Hundebaby fest, damit sie nicht abstürzte.

„Hey, die Kleine ist echt niedlich“, warf John ein und beugte sich vor, um den Hund zu kraulen, was sich Addie nur zu gerne gefallen ließ. Doch kurz darauf schritt Carson in die Szene ein und sagte mit einem Seitenblick auf Finn: „Wir sollten wieder reingehen. Es ist schon ziemlich kalt hier draußen.“

Und so machten sich alle wieder auf in das Innere des Cheyenne Mountain Complex, wo es wesentlich wärmer war. Die wenigen Stunden bis zum Abflug der Daedalus auf dem Alpha-Stützpunkt verbrachten sie im offiziellen Teil der Geheimanlage, bis sich Tammy gegen viertel vor vier verabschiedete. Sie übergab John noch einen Karton, in dem sich Addies wichtigste Gegenstände befanden und versprach Finn, dass er sie besuchen kommen konnte, wann immer er wollte. Und so rückte der Abschied von der Erde immer näher, was Finn gar nicht so ungelegen kam. Er wollte nur noch weg von diesem Planeten.

Und dann war er da, der Augenblick, an dem Finn der Erde vorerst den Rücken kehrte. Binnen weniger Sekunden waren sie durch das Stargate zum Alpha-Stützpunkt gelangt, wo die Daedalus schon bereit stand und Colonel Steven Caldwell nahm das Atlantis-Team in Empfang. Der Abschied vom SG-1-Team war sehr herzlich, besonders als sich Sam von Finn verabschiedete. Sie konnte die Tränen kaum zurückhalten. Sie wünschte dem Jungen nur das Beste und vor allem eine schnelle Genesung. Jack, der als Letzter an der Reihe war, erneuerte noch einmal sein Versprechen mit dem Eisfischen und lud auch John mit ein. Dann endlich schloss sich die Eingangsluke der Daedalus und das Raumschiff hob langsam ab zu seiner 18-tägigen Reise in eine ungewisse Zukunft.

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*wie immer: NICHT die Krankheit ;-)

Oct. 11th, 2007

count, too, can

Es lebe das INTERNET!!! ^____^

Heyho^^

okay, also endlich bin ich mal wieder hier *Staub wisch und Spinnweben wegmach*.  Naja, der Grund war, ich hatte ewig lange kein Internet...2 Monate hat 'n gewisser Provider auf sich warten lassen...und als ich I-net hatte, ging mein Computer futsch...-.-"aber jetzt ist alles wieder gut und ich kann endlich mit gehöriger Verspätung Kapitel 5 rausrücken *gg*. Das trägt witzigerweise denselben Namen wie der Rest der Story.

So then...

V. ONCE MY HEART WAS SHATTERED

Damit war Johns Neugierde endgültig geweckt und er folgte so unauffällig wie möglich den beiden Ärzten, die viel zu vertieft in ihr Gespräch waren, um die Anwesenheit Johns wahrzunehmen. Auf deren Weg zur Krankenstation erfuhr er Ungeheuerliches über die Wunden und Misshandlungen, die Finn zugefügt worden waren. Das wütend-aufgeregte Kribbeln in Johns Magengegend wurde umso heftiger, je mehr er erfuhr.

„Psst…John! Colonel Sheppard!“, rief Sam ihm auf einmal zu. Er drehte sich nach ihr um und ärgerte sich, war er doch fast an der Krankenstation angekommen.

„Ich kann jetzt nicht“, entgegnete John, doch Sam zog ihn am Arm von den Ärzten weg in einen Seitengang.

„Ich muss aber mit Ihnen reden. Es geht um Finn.“

John starrte sie unverwandt an: „Dann bin ich mal gespannt.“

„Nun ja“, Sam wusste nicht genau, wie sie diese Unterredung beginnen sollte, „Also, Sie wissen ja offensichtlich bereits, dass Finn noch am Leben ist…“

„Ja, allerdings“, brummte John gereizt, der versucht war, seine Fassung nicht zu verlieren, „Sie wollten mich doch über so etwas informieren!“

„Ich weiß. Das wollte ich ja auch gerade tun. Ich konnte Sie bisher nicht erreichen, okay?“

John atmete tief durch.

„Schon gut. Was ist jetzt? Sagen Sie mir nun, was mit Finn ist?“

Sam nickte und wies ihr Gegenüber an, ihr zu folgen.

„Das besprechen wir am Besten in meinem Büro. Man mag es vielleicht nicht glauben, aber die Wände hier haben Ohren.“

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„Nehmen Sie Platz, Colonel.“

„Ich bin zwar nicht im Dienst, aber okay.“

„Gut, dann John?“

Dieser nickte ungeduldig.

„Sam“, sagte sie und reichte ihm die Hand, „Okay. General Landry hatte mich eigentlich darum gebeten, Ihnen noch nichts von Finns Rettung mitzuteilen.“

„Und wieso?“

„Aus Rücksicht, vermute ich. Nun ja, aber das hat sich ja nun erübrigt. Ich denke, ich bin es Ihnen schuldig, zu erzählen, wie es zu seiner Rettung kam…“

Und Sam begann zu erzählen, wie General O’Neill sich sofort nach Bekanntwerden der Entführung in die Ermittlungsarbeiten des FBI eingeschaltet und diese vorangetrieben hatte. Man hatte schon recht zeitig die Vermutung, dass ein Kinderschänderring hinter der ganzen Sache stecken würde. Aufgrund der Arbeiten der Profiler in Quantico und der Spurensicherung am mutmaßlichen Tatort konnte die Zahl der Verdächtigen bald auf eine Bande eingeschränkt werden, nach der mit höchster Priorität gefahndet wurde. Lange jedoch ohne den gewünschten Erfolg.

„Warum haben Sie uns nie darüber informiert, dass Finn entführt worden war?“, fragte John.

„Es war uns nicht erlaubt. Erstens war dies Sache des FBI und zweitens wollte General Landry Aufregung vermeiden.“

„A-aber es geht um Finn! Nicht um irgendein Kind! Er oder irgendwer hätte es mir oder zumindest Elizabeth sagen müssen!“

„Ich weiß, John, ich weiß. Ich finde es selber unverantwortlich, aber was sollte ich tun? Ich wurde selber im Dunkeln gelassen, bis Tammy und ich die Leiche dieses Jungen fanden.“

John nickte und wies Sam mit einer Geste an, weiterzusprechen.

Man nahm lange an, dass es sich bei dem Toten wirklich um Finn handelte, da man keine Vergleichsproben hatte, wie Zahnabdrücke oder dergleichen. Die Leiche war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Dass man auf Finn kam, lag an der einzelnen Erkennungsmarke, die man bei dem Jungen gefunden hatte. Man beerdigte ihn also unter Finns Namen. General O’Neill jedoch hatte von Anfang an Zweifel an der Identität des Toten und ordnete eine Exhumierung und anschließende Obduktion an.

„Wann fand die statt?“

„Einige Tage, bevor Sie auf der Erde ankamen. Und bevor Sie jetzt wieder aufbrausen: ich wusste auch nichts davon. General O’Neill hat mich erst vor drei Tagen informiert.“

Jedenfalls kam bei der Obduktion heraus, dass es sich bei dem Toten nicht um Finn handeln konnte. Die Knochenanalyse hatte ergeben, dass der tote Junge auf jeden Fall älter gewesen sein musste als Finn.

Nachdem man dies herausgefunden hatte, wurde die Suche nach Finn natürlich forciert. Man hoffte, dass er vielleicht doch noch lebte. Bald darauf hatte das FBI eine heiße Spur. Sie hatten einen Max Davenport, Herb LeVine und Jared Darcy aufspüren können, die, wie man vermutete, Finn gefangen halten könnten. So erklärte sich General O’Neill dazu bereit, an Undercover-Ermittlungen teilzunehmen. Man arbeitete einen Plan aus, in den letztendlich auch wir, das heißt, Colonel Cameron Mitchell, Dr. Daniel Jackson, Vala Mal Doran und Teal’c, involviert wurden. Wir wurden erst vor drei Tagen informiert, dass Finn noch am Leben ist.

Jedoch wurde der Plan, ihn in Kanada zu befreien nicht realisiert, da Finn
selber einen Ausbruchsversuch unternommen hatte. Wer weiß, wie lange der Junge durch die Wildnis geirrt ist, jedenfalls muss er am frühen Abend Jacks Haus erreicht haben. Er wurde allerdings von den drei Hauptverdächtigen verfolgt und mit Schusswaffen bedroht. Außerdem wurde er angeschossen, aber schlussendlich hat Jack es doch geschafft, die drei Männer zu überwältigen. Das FBI konnte sie schließlich festnehmen. Danach hat Jack Finn höchstpersönlich hierher gebracht und in Dr. Lams Obhut übergeben. Ehrlich, wir sind ausnahmslos alle heilfroh, dass er noch lebt. Zur Stunde sucht man die Wälder rund um Colorado Springs, Stratton und Marigold nach weiteren Opfern ab, da die Holzhütte, in der wohl die Geschäfte der drei abgewickelt wurden, leer war. Nun ja, es gilt als sehr wahrscheinlich, dass Finn nicht der Einzige war, man geht davon aus, dass noch einige Kinder, die in den letzten Jahren verschwunden waren, sich in den Klauen dieser Schweine befanden. Wenn man sie finden sollte, hofft man, sie lebend anzutreffen. Wenigstens hat man Unterlagen gefunden und kann nun auch eine Vielzahl der Kunden festnehmen.

Nach dieser Erzählung entstand eine lange Pause, in der John Sam entgeistert anstarrte. Das eben musste er erst einmal setzen lassen. Während Sam gesprochen hatte, hatte er immer wieder ungläubig den Kopf geschüttelt und tief durchgeatmet, weil alles so ungeheuerlich klang und als die Namen von Finns Peinigern fielen, hatte sich seine Miene augenblicklich verfinstert. Diese Typen waren dafür verantwortlich, dass er Finn irrtümlich für tot gehalten hatte. In ihm kochte weißglühender Hass hoch.

„Wie geht es Finn jetzt?“, presste er hervor.

Sam zuckte hilflos mit den Schultern: „Nicht so gut, fürchte ich. Es ist schon ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt. Sehen Sie, man hat ihm unvorstellbares Leid zugefügt und es wird sehr lange dauern, bis er sich etwas davon erholt hat. John, wenn Sie ihn sähen, Sie wären erschüttert. Er ist nicht mal mehr ein Schatten seiner selbst.“

John nickte.

„Weiß Elizabeth davon?“

„Sie, Colonel Caldwell und der Rest Ihres Teams werden zur Stunde von General Landry über alles informiert.“

„Gut. Wann kann ich Finn sehen?“

„Oh…ähm, das fragen Sie am besten Carolyn oder Dr. Beckett.“

------

Carolyn war inzwischen mit Dr. Beckett zur Krankenstation zurückgekehrt. Sie fand Finn in derselben Position vor, wie sie ihn eine Viertelstunde zuvor verlassen hatte. Noch immer lag er zusammengerollt wie eine Katze auf dem Krankenbett, umklammerte das alte Plüsch-Känguru und starrte ins Leere. Doch als die beiden Ärzte sich ihm näherten, veränderte sich der Blick des Jungen. Er fokussierte sie und folgte jeder noch so kleinen Bewegung. Seit die beiden die Krankenstation betreten hatten, war er von einer inneren Unruhe befallen. Er schien zu wissen, dass die zwei Ärzte etwas vorhatten, das äußerst unangenehm für ihn werden könnte. Finn richtete sich auf und wich in Richtung Bettkante zurück.

Als Carson auf der Krankenstation angekommen war, hatte er nicht schlecht gestaunt. Dort lag leibhaftig und vor allem lebendig das Kind im Krankenbett, dass er noch eine gute halbe Stunde zuvor für tot gehalten hatte. Doch seine Routine ließ ihn sich schnell wieder fangen und er legte sein Hauptaugenmerk auf die mehr und weniger offensichtlichen Wunden des Jungen.

Behutsam trat er an das Krankenbett heran. Sein Gespür sagte ihm, dass Finn trotz seiner nicht unerheblichen Verletzungen bereit zur Flucht und jede einzelne Faser seines Körpers bis auf das Äußerste gespannt war.

„Finn, mein Junge, hab keine Angst. Ich will dir nur helfen“, sagte Carson in seinem beruhigendsten Tonfall und verlangsamte seine Schritte noch weiter, „niemand will dir etwas antun.“

Doch Finn traute dem nicht und er wich ängstlich weiter zurück. Seine Instinkte sagten ihm, dass er unbedingt fliehen musste. Nur weg von hier, koste es, was es wolle. Nach einem weiteren Schritt Carsons in seine Richtung war es dann auch schon geschehen. Finn sprang hektisch aus dem Bett und wollte in seiner kopflosen Panik fliehen, aber er knickte mit dem linken Fuß um und konnte gerade noch in letzter Sekunde von einer Krankenschwester aufgefangen werden, bevor er der Länge nach hinschlug. Stumm aber sehr heftig wehrte er sich gegen den überraschend festen Griff der jungen Frau.

„Seien Sie vorsichtig, Maxine. Wir wissen nicht, welche inneren Verletzungen er davongetragen hat“, rief Carolyn der Schwester zu. An Carson gewandt meinte sie: „Wir werden ihn wohl sedieren müssen. Sind Sie bereit?“

Carson, der gerade eine Spritze mit einem leichten Betäubungsmittel aufzog, nickte und wies Carolyn und Maxine an, den Jungen wieder auf das Bett zu bugsieren. Finn hatte natürlich alles mitbekommen und protestierte nun umso heftiger gegen seine Gefangenschaft. Doch am Ende konnte er sich nicht gegen die beiden Frauen und einen weiteren Pfleger, der hinzu geeilt kam, durchsetzen. Jedoch war er nicht bereit, so leicht aufzugeben und versuchte nun wenigstens, den Ärzten ihr Vorhaben so schwer wie nur irgendwie möglich zu machen. Carson trat auf den immer noch heftig zappelnden Jungen zu.

„Tut mir wirklich leid, mein Junge“, seufzte Carson und setzte die Injektion an Finns Arm an, der von dem Pfleger sanft aber bestimmt heruntergedrückt und festgehalten wurde. Es folgte ein kurzes Aufbäumen des Jungen, bevor er langsam einschlief.

„Das ging aber ziemlich schnell“, bemerkte Carolyn und strich dem Kind sanft durch das schwarze Haar.

„Er ist ja auch geschwächt“, erwiderte Carson, „auf der Höhe seiner Gesundheit wäre ihm die Flucht ohne Weiteres gelungen.“

„Also, dafür, dass er so schwach ist, kann er noch kräftig zubeißen“, sagte Maxine grinsend und hielt ihren linken Arm hoch, auf dem sich fein säuberlich Bissspuren abzeichneten, „ich hab gedacht, er frisst mich auf.“

Carolyn erwiderte das Grinsen: „Lassen Sie das von Tobias desinfizieren und assistieren Sie uns danach, okay?“

Maxine nickte und begab sich mit dem Pfleger, Tobias, der mitgeholfen hatte, Finn zu sedieren, in den hinteren Teil des Raumes.

„Also, wenn wir das jetzt bei jeder Untersuchung machen müssen, dann…ich weiß nicht, was dann sein wird…“, versuchte Carson zu erklären und schloss mit einem Seufzen.

„Ja, und vergessen Sie nicht, dass ich nicht mit nach Atlantis kommen kann“, entgegnete Carolyn, was Carson einen weiteren Seufzer entlockte.

„Wo wir ihn gerade so ruhig hier liegen haben, würde ich vorschlagen, dass wir ein paar Tests durchführen. Am besten das ganze Programm: großes Blutbild, Tox-Tests auf Drogen“, zählte Carson auf und als er Carolyns verstörten Blick sah, fügte er hinzu: „Man weiß ja nicht, zu was diese Dreckskerle Finn alles gezwungen haben. Also, wo war ich? ...Ach ja, Bluttests auf Geschlechtskrankheiten und alles, was sonst noch so im Blutbild nicht auftaucht. Carolyn, würden Sie bitte einen Abstrich machen?“

Sie nickte.

„Gut. Tobias, Sie bringen das bitte ins Labor“, sagte Carson an den Pfleger gewandt, der Maxines Bisswunde behandelt hatte. Dieser nickte und nahm von Carolyn ein Röhrchen mit dem Abstrich entgegen und kurz darauf einige Röhrchen mit Finns Blut entgegen.

„Sagen Sie den Jungs im Labor bitte, dass sie sich beeilen sollen“, erklärte Carson.

„Jetzt fehlen noch MRT* und CT**…Ultraschall?“

„Ja, außerdem wäre eine Thorax-Aufnahme*** von Vorteil. Er hat Atemgeräusche, höchstwahrscheinlich ein Ödem****. Wissen Sie, ob er Anzeichen für eine Lungenentzündung hatte, als er ankam?“, wollte Carson wissen.

„Ja, Finn hat fürchterlich gehustet und Temperatur hat er auch.“

Nach diesen und weiteren Untersuchungen stand fest, dass Finn einige alte und einen frischen Rippenbruch hatte und sein linker Fußknöchel verstaucht war. Die Thorax-Aufnahme zeigte tatsächlich ein Ödem, das auf eine beginnende Lungenentzündung zurückzuführen war. Außerdem wurden noch zahlreiche Prellungen, Abschürfungen, Kratz- und Schnittwunden sowie Verbrennungen festgestellt. Diese kleinen Brandwunden stammten von Zigaretten, die auf der Haut des Jungen ausgedrückt worden waren. An Finns Nackenhaaransatz entdeckte Carolyn zudem zwei punktförmige Brandmarken, die von einem Elektroschocker herrührten, den Jared verwendet hatte, als er und Herb das Kind entführt hatten.

Jene Untersuchungen hatten auch eine kleine Operation an Finns Darm erforderlich gemacht, die jedoch ohne Komplikationen verlief. Danach wurden noch weiterführende Untersuchungen gemacht, die neben den offensichtlichen Verletzungen auch einen leichten Milzriss ergab, der jedoch keines weiteren Eingriffes bedurfte. Geschlechtskrankheiten konnten nach bisherigem Stand ausgeschlossen werden. Selbst nachdem wenige Stunden danach die Laborergebnisse kamen, waren die Befunde zur Erleichterung aller negativ. Doch eines machte Carson dennoch immense Sorgen: Finn hatte extremes Untergewicht, was sein Immunsystem noch zusätzlich schwächte. Dies war wirklich kein gutes Zeichen, denn dadurch hätte die Lungenentzündung äußerst leichtes Spiel mit ihm. In der leisen Hoffnung, damit das allerschlimmste abzuwenden, ordnete Carson eine Intensivbehandlung mit Antibiotika an.

„Doktor“, begann Carolyn und deutete mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck auf blaurot verfärbte angeschwollene Linien, die quer über Finns Rücken verliefen, „diese Wunden hier sehen aus wie Peitschenhiebe.“

„Wie kann man einem Kind nur so etwas Grausames antun?“, fragte Maxine mit erschüttertem Tonfall. Sie dachte wehmütig an ihren kleinen vierjährigen Sohn, Reece, der bei seinem Vater, ihrem Verlobten, war.

„Ich weiß es nicht“, antwortete Carson bitter, „aber ich hoffe für Finn, dass diese Dreckskerle, die das getan haben, hart bestraft werden.“

----------

Es war wieder eine dieser ewig langen Nächte, in der John einfach nicht in der Lage war, Schlaf zu finden. Doch diesmal war der Grund nicht der kalte Schmerz oder die quälenden Gedanken, die er während der Zeit empfunden hatte, als er noch in dem Glauben war, Finn wäre tot. Nein, diesmal war es bohrende Ungeduld. Er wusste nun schon seit über drei Stunden, dass der Mensch, der ihm mehr als alles in zwei Galaxien bedeutete, noch am Leben war und doch durfte er ihn nicht sehen. Wenige Minuten zuvor erst hatte er mit Carson gesprochen und dieser hatte ihm ausdrücklich erklärt, dass ein Besuch frühestens am folgenden Abend möglich werden würde. John wollte dagegen aufbegehren und Carson sagen – ihm entgegen schreien, dass es sich bei Finn schließlich um ein Kind handelte, dem er väterliche Gefühle entgegen brachte, aber der strenge Blick, mit dem Carson ihn bedacht hatte, ließ absolut keine Widerworte zu und so hatte sich John resigniert, aber wütend grummelnd auf sein Quartier getrollt. Doch wieder machte seine Ungeduld einen Strich durch Carsons Rechnung.

Eigentlich hatte er nur vorgehabt, durch den Cheyenne Mountain Complex zu laufen, um endlich einschlafen zu können. Doch aus irgendeinem seltsamen Zufall landete er schließlich doch auf der Krankenstation. Sie war verlassen und das Licht war gedämpft. Nur eintöniges Piepen einiger medizinischer Geräte unterbrach die schwere Stille dieses Raumes. John betrat zögernd die Station und schaute sich mit einem äußerst unbehaglichen Gefühl im Magen um. Er hatte schon immer eine Abneigung gegen Krankenstationen und Arztpraxen empfunden, ganz besonders jedoch, seit er im Zuge seiner Off-World-Missionen recht oft in einer landete. John wusste ganz genau, dass er hier eigentlich nichts zu suchen hatte, doch seine Neugierde zwang ihn regelrecht dazu, zu bleiben und sich weiter umzusehen. Sein Blick schweifte in dem großen Raum umher und musterte die leeren Betten, die in einer Reihe ordentlich an den Wänden aufgestellt waren, bis sein Blick an einigen Vorhängen haften blieb, welche um ein Krankenbett ganz am anderen Ende der Station herumgezogen waren. Aus jener Richtung kam auch das eindringlich-frequente Piepsen und ein ungewöhnlicher Drang in ihm, dem auf den Grund zu gehen. John gab sich seufzend einen Ruck und ging langsam auf das Bett zu. Dort angekommen schob er ganz vorsichtig, ohne irgendwelchen Lärm zu verursachen, einen Vorhang zur Seite.

Was er dann sah, war der schönste und gleichzeitig auch herzzerreißendste Anblick seines Lebens. John sah auf das Gesicht des schlafenden Jungen. Dessen Augen lagen tief in den Höhlen und seine Wangen waren von monatelangem Hunger eingefallen und doch, dieses Kind war eindeutig Finn. John strich dem Jungen sanft durch das schwarze Haar und blinzelte eine Träne weg, die sich verstohlen einen Weg an die Oberfläche gebahnt hatte. Er schob sich leise einen nahe stehenden Stuhl heran und setzte sich. Seine Knie waren innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde weich wie Pudding geworden und sein Magen vollführte einen aufgeregten Freudentanz. Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht, etwas, das ihm die letzten vier Monate verwehrt geblieben war. Mit einem großen Gefühl der Erleichterung nahm John Finns rechte Hand in die seine und strich ihm immer wieder mitfühlend über den Arm. Samantha Carter hatte Recht gehabt, der Anblick dieses blassen Jungen in den weißen Laken war ziemlich erschütternd.

John beobachtete das gleichmäßige Heben und Senken von Finns Brust wer weiß wie lange und oft genug fielen ihm dabei die Augen zu. Und trotzdem zwang er sich immer wieder dazu, wach zu bleiben, schließlich hatte er Finn zu lange vermissen müssen. Er schwor sich in jener Nacht, dass er Finn nie wieder im Stich lassen würde; nie wieder…

„Colonel? Was zum Henker machen Sie hier?!“

John hatte gar nicht bemerkt, dass Carson auf die Krankenstation gekommen war und schreckte hoch. Offensichtlich war er wohl doch eingenickt.

„Oh, Doc…also…ähm…“

Doch Carson schmunzelte versöhnlich und sagte: „Lassen Sie mich raten…Sie konnten nicht einschlafen, wollten ein wenig umherlaufen und sind dann ganz zufällig hier gelandet, stimmt’s?“

„Hmmm, stimmt“, entgegnete John müde.

„Eigentlich war es ja anders geplant und das wissen Sie auch. Aber wo sie einmal hier sind, können Sie auch bleiben…Kaffee?“

Carson reichte John einen Becher heiß vor sich hin dampfenden Kaffees, den er dankbar entgegen nahm.

„Und Sie?“

„Kaffeemaschine“, antwortete Carson und deutete mit einem Kopfnicken zu einem Sideboard neben dem Eingang, auf dem eine Kaffeemaschine brodelnd weiter Kaffee aufbrühte, „sagen Sie bloß, das haben Sie nicht mitbekommen?“

„Würd ich sonst fragen?“, entgegnete John unwirsch zwischen zwei Schlucken Kaffee und stellte den Becher dann ab, „Wie geht es Finn?“

Carson zuckte mit den Schultern: „Nicht gut, fürchte ich. Er hat zahlreiche Verletzungen, innerlich wie äußerlich. Psychisch ist er höchstwahrscheinlich noch viel schlimmer dran. Momentan hat er jedenfalls panische Angst vor Männern und –“, Carsons Blick fiel auf Johns Hand, die immer noch die von Finn umschloss, „vor Berührungen jeglicher Art.“

Daraufhin zog John erschrocken seine Hand weg und schaute äußerst besorgt drein.

„Eine der Schwestern von hier, Maxine, hat er sogar gebissen.“

„Wow, wirklich?“

Carson nickte, während er zum wiederholten Mal an jenem Abend die Temperatur des Jungen kontrollierte: „Ja, wirklich. Aber ich denke, mit viel Ruhe, Pflege und Dr. Heightmeyers Hilfe wird es ihm irgendwann besser gehen. Aber das wird sehr viel Zeit brauchen.“

„Das heißt, Finn kann wieder nach Atlantis?“

„Ja, und je schneller das geschieht, desto besser. Er ist soweit stabil und während des Fluges mit der Daedalus kann ich ihn beobachten.“

John nickte. Und als Carson sich zum gehen wandte, sagte er mit ernstem Ton: „John, er wird nie mehr so sein wie früher, nie mehr.“

„Ich weiß“, antwortete John leise mit traurigem Unterton. Nachdenklich betrachtete er Finns schlafendes Gesicht. Erinnerungen flogen in seinem Kopf vorbei, Erinnerungen an fröhlichere Zeiten, Erinnerungen, die weh taten, wenn er an die Zukunft dachte.


*MRT: Magnetresonanztomographie, Verfahren zur Abbildung innerer Organe

**CT: Computertomographie, siehe oben, Körper wird „scheibchenweise“ dargestellt…nicht falsch verstehen, ja?

***Thorax-Aufnahme: Aufnahme des Brustkorbes

****Ödem: Flüssigkeitsansammlung in der Lunge

For further information, please visit wikipedia

Jun. 21st, 2007

count, too, can

Hier die vier

Hmmmm...mir is langweilig...ich weiß auch warum, aber das interessiert hier eh keinen. Okay, draußen regnet's  und gewittert's, iwie das einzig angenehme heute...zumindestens im Moment xD...guuuut, dann setz' ich hier einfach mal Kapitel 4 in die Welt *huh*...

IV. Hitchhike Back to Life


„Alles in Ordnung?“, fragte Osbourne, nachdem er sich neben Finn auf die mottenzerfressene Matratze gesetzt hatte. Er legte sanft seine Hand auf die von Finn, wich aber zurück, als er merkte, wie der Junge seine zurückzog.

„Was ist passiert? Ich habe gehört, Cody ist tot.“

Finn atmete scharf ein. Er hatte die letzten Tage versucht, den Verlust zu verdrängen. Aber Osbourne stocherte erneut in dieser frischen Wunde herum. Der Junge erhob sich langsam von der Matratze und ging in den vorderen Teil des Trailers.

„Ja“, sagte er leise. „Cody ist tot.“

Finn spürte, wie Osbournes Blick ihm interessiert folgte. Aber das war ihm egal, denn er hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. Er hob es auf. Es war schwer und kalt, aber es lag gut in der Hand und würde ihm behilflich sein, bei der Erfüllung seines Traumes. Schon so oft war er die einzelnen Schritte durchgegangen und hatte jedes einzelne Detail mit einbezogen. Langsam drehte er sich zu Osbourne um und ließ unauffällig seinen Fund hinter seinem Rücken verschwinden. Langsam schritt er auf den Mann zu, der sich auf der Matratze zurücklehnte. Finn nahm den Blick nicht eine Sekunde lang von Osbourne und zuckte auch nicht, als er in die Reichweite seiner Berührungen gekommen war. Osbourne ergriff Finns Oberarme und zog ihn zu sich herunter.

„Du bist heute anders als sonst, junger Mann“, wisperte Osbourne in sein Ohr.

Finn erwiderte nichts darauf, sondern erwiderte halbherzig den Kuss, den ihm Osbourne auf den Mund drückte. Er ekelte sich vor dessen Mundgeruch, aber er wehrte sich kaum. Auch nicht dagegen wie die Hände des Mannes seinen Körper überall berührten.

„Steh mal kurz auf“, sagte Osbourne, der sich selbst erhob, um seine Hose zu öffnen. Finn kam seiner Aufforderung schweigend nach. Anstatt aber abzuwarten, holte er seinen Fundgegenstand hervor, der sich als schweres Eisenrohr entpuppte, das im Trailer gelegen hat und mit denen die Freier die Kinder misshandeln konnten, und holte aus. Osbourne nahm die schnelle, katzenhafte Bewegung des Jungen wahr und starrte ihn überrascht an.

„Was-?“

„Es tut mir leid“, wisperte Finn und schlug zu. Wie in Zeitlupe sackte Clark Osbourne mit einer heftig blutenden Kopfwunde bewusstlos zusammen. Finn atmete tief durch und schaute sich um, bevor er die Tür des Trailers öffnete. Er spähte hinaus. Draußen tobte inzwischen ein Schneesturm, die Sicht war auch nicht die beste. Sein Blick ging in Richtung Blockhaus, das nur noch in Umrissen erkennbar war. Es lag ruhig da, Licht brannte, alle Personen schienen sich drinnen aufzuhalten. Kein Wunder bei dem Wetter, dachte Finn grimmig und schlüpfte hinaus in die Kälte. Er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, jedem Freier wurden gerade einmal eineinhalb Stunden mit einem der Kinder zugestanden und eine viertel Stunde war bereits vergangen.

Finn stapfte also durch den Schnee und erinnerte sich an den Tag, an dem er entführt worden war. Dies war der schwärzeste Tag seines jungen Lebens gewesen und nun schien es tatsächlich so, als könne er seiner ganz persönlichen Hölle entkommen. Obwohl er schon nach wenigen Minuten erbärmlich fror und seine Füße, die in mit Zeitung und Stroh ausgestopften Socken steckten, welche wenigstens die ärgste Kälte fernhalten sollten, kaum noch spürte, setzte er seinen Weg fort. Schon bald befand er sich inmitten des Waldes und hatte absolut keine Ahnung, in welche Richtung er nun gehen sollte. Nur eines wusste er mit Bestimmtheit: Im Leben würde er nie wieder an den Ort seiner Leiden zurückkehren. Davenport würde ihn schon erschießen müssen. Und so ging er einfach gerade aus weiter, so gut es ging. Immer der Nase nach. Ein Satz, den John gebraucht hatte, als er Finn das erste Mal durch Atlantis geführt hatte und als der Junge gefragt hatte, von wo man die beste Sicht auf das Meer hatte. Ein trauriges Lächeln der Erinnerung huschte über sein Gesicht und er fragte sich, wie schon so oft in den letzten Monaten, ob er sein geliebtes Atlantis mit all seinen Bewohnern und ganz besonders John wohl je wiedersehen würde.

Seit zwei Stunden irrte Finn nun im Wald umher und ihm war bitterkalt. Er hatte die Orientierung verloren und trotz der Erfahrung, die er aufgrund seiner Herkunft hatte, sah nun jeder Baum für ihn komplett gleich aus. In der Ferne hörte er einen Wolf heulen, was ihn erschaudern ließ. Als er kurz darauf einen Schuss hörte, der das Heulen des Tieres in ein schmerzvolles Jaulen verwandelte, erfasste ihn die nackte Panik: Davenport! Er musste bemerkt haben, dass Finn die Flucht gewagt hatte, vielleicht war Osbourne inzwischen aufgewacht und hatte ihn verpfiffen und nun war Max Davenport zusammen mit Herb und Jared auf der Suche nach ihm. Also kämpfte sich Finn weiter durch den Schnee. Rennen war schier unmöglich; erstens war der Schnee an manchen Stellen hüfthoch verweht, zweitens war die Sicht durch den Sturm so schlecht, dass er nur wenige Fuß weit sehen konnte und drittens taten ihm seine Füße schon so weh, dass die geringste Bewegung ihn halb wahnsinnig machte. Er sah kurz auf seine Füße, die Socken waren schon völlig durchweicht und stapfte, so schnell es ihm möglich war weiter. Er wusste es nicht genau, aber er glaubte, dass er in Richtung Nordwesten, in Richtung Colorado Springs ging. Obwohl Schnee und Wind unheimlich an seinen Kräften zehrten und ihm alles abverlangten, hatte er ihn auf seiner Seite, denn durch den Sturm wurden seine Fußspuren schnell verweht.

Der Hunger wuchs und schwächte ihn zusätzlich. Es musste schon sehr lange nach Mittag sein und der Sturm wurde noch stärker. Kaum, dass er die Hand vor Augen sehen konnte, irrte er durch den Nadelwald. Doch kurz, bevor es dunkel wurde, wurde der Wald lichter, die Abstände zwischen den Bäumen immer größer und er hörte in der Ferne Autos eine Straße entlang fahren. Diesem Geräusch näherte er sich mit dem wachsenden Gefühl der Hoffnung, während er vor einem anderen Geräusch, dass er sich vielleicht nur einbildete, zu fliehen versuchte. Finn wusste nicht, ob es real war, aber er glaubte, Äste knacken zu hören und die wütenden Stimme Davenports, die der Wind zu ihm wehte. Doch bald hatte er die Straße erreicht. Eine Weile lang folgte er dem Verlauf dieser Straße, bis er ein Hinweisschild fand, auf dem in großen Buchstaben stand:

Colorado Springs
5 Miles


Allerdings musste er dafür die entgegengesetzte Richtung einschlagen und er hatte Angst, dass er somit direkt in die Arme Davenports laufen würde. Seine einzige Chance, dem eventuell zu entgehen wäre, die Straßenseite zu wechseln. Doch das stellte sich als kompliziert heraus, denn die Straße war sehr stark befahren. Aber Finn fasste sich ein Herz und als die Straße für einen kurzen Moment leerer war, wagte er den schmerzhaften Sprint. Dafür erntete er wütendes Hupen und einen empörten Ruf eines erschrockenen Autofahrers, als er gerade drüben angekommen war:

„Hey, du Irrer! Bist du lebensmüde, oder was?!“

Finn sank erschöpft auf die Knie und hielt sich die Brust. Sein Herz hämmerte wie wild von innen gegen die Rippen und seine Lungen schmerzten unheimlich wegen der kalten Luft die er hastig einatmete. Zudem machten ihn seine Füße zu schaffen und so lange er sich hier ausruhte, zog er seine Füße unter seinen Körper, um sie wenigstens etwas aufzuwärmen. Aber der Schmerz trieb ihm schier die Tränen in die Augen. Er hielt es nur kurz aus, denn die Bewegung hatte ihn halbwegs warm gehalten, jedoch nun, da er auf dem Boden hockte, bahnte sich die Kälte unbarmherzig ihren Weg durch seine dünnen Sachen. Also stand er nach wenigen Minuten wieder auf und humpelte weiter, jetzt mit dem konkreten Ziel vor Augen: Colorado Springs.

Die Dunkelheit brach ein, als Finn, erschöpft wie er war, die 370.000-Einwohner-Stadt erreichte. Ein Teilziel hatte er erreicht. Er wusste, dass Jack O’Neill in dieser Stadt wohnte. Irgendwo am Stadtrand, doch Finn hatte keine Ahnung wo genau. Er seufzte und entschied sich, die Stadt in Richtung Westen zu umrunden. Die Pausen, die er einlegen musste, kamen nun immer häufiger vor und dauerten immer länger. Er hatte Hunger, Durst, war schwer verletzt und fror, wie er noch nie in seinem Leben gefroren hatte. Und doch hielt ihn der Überlebenswille auf den Beinen und er hinkte, zu Weilen auch taumelnd weiter. Stunde um Stunde legte er Meile um Meile zurück und sah sich dabei immer wieder gehetzt um, wie ein Hase, der unbarmherzig von einem Wolfsrudel gejagt wurde.

Auf seinem Weg begegnete er nur wenigen Menschen, denn obwohl der Schneesturm inzwischen nachließ, blieben viele in ihren Wohnungen. Diejenigen, denen er dennoch über den Weg lief, hatten für ihn mitleidige Blicke übrig. Wenige jedoch sahen ihn angewidert an, als wäre er ein dahergelaufener Junkie auf der Suche nach dem nächsten Schuss oder ein kleiner Bettler, der ihnen das Geld aus der Tasche leiern wollte. Aber Finn nahm die Blicke der Leute kaum wahr. Er setzte seinen Weg unbeirrt fort, bis es vor ihm auftauchte: Jack O’Neills Haus. Finn blieb stehen. Er konnte es kaum glauben, aber er stand tatsächlich vor Jacks Haus. Nur einmal zuvor hatte er es gesehen, nämlich als er zusammen mit Sam Carter Jack besucht hatte. Finn konnte sich nicht mehr genau erinnern, aus welchem Grund dieser Besuch stattgefunden hatte, aber im Moment war er so unendlich froh, dass er sich wenigstens daran erinnern konnte, wie das Haus aussah.

„Hey, Bastard, bleib stehen!“

Diese Stimme zerschnitt die Stille, die zwischen zwei Windböen entstanden war. Finn blieb tatsächlich stehen und wirbelte herum. Was er sah, ließ ihm glatt das Blut in den Adern gefrieren. Er starrte direkt in den Lauf eines Gewehres, das in etwa sechs Metern Entfernung auf ihn gerichtet war. Finn schluckte. Nun hatte Davenport ihn doch eingeholt.

„Ich bring dich um, du kleiner Bastard!“, schrie Davenport dem Jungen entgegen, „Mir läuft nie wieder das beste Pferd im Stall davon, hast du verstanden?! Du hast doch nicht wirklich geglaubt, du hättest mehr Glück als dieser nichtswürdige Cody?!“

Finn wich zurück, jede Faser seines Körpers schrie danach, wegzulaufen, zum Haus zu rennen und Jack auf sich aufmerksam zu machen. Und alle Vorsicht über Bord werfend gab er sich seinen Instinkten hin und rannte. Schüsse peitschten wütend an ihm vorbei und zornige Flüche sowie hastige Schritte, verfolgten ihn. Doch Finn schaffte es wie durch ein Wunder unverletzt an die Tür des Holzhauses und trommelte panisch mit den Fäusten dagegen. Die Schüsse hörten auf, nur noch einer fiel und riss den Jungen von den Füßen, bevor er ein Loch in die Tür schlug. Auf dem Boden liegend wimmerte Finn vor Schmerz und Kälte. Er hielt sich den rechten Arm und unter seiner Hand sickerte warmes Blut hervor. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen. Und plötzlich spürte er heißes Metall an seiner Schläfe. Er wusste, es war Davenport und er wusste auch, gleich würde er sterben. Und vielleicht war es diese Gewissheit, die ihm einen ungeahnten Mut verlieh.

„Dann schieß doch endlich!“, rief Finn, heiße Tränen vergießend, „bring mich um, wie du Cody umgebracht hast!“

Doch Davenport konnte den finalen Schuss nicht abgeben. Finn nahm die Bewegung kaum wahr, die dazu führte, dass sein Entführer nach hinten taumelte und das Gewehr verlor. Jack war aus dem Haus gestürmt und hinderte Davenport daran, einen weiteren Mord zu begehen. Als Antwort auf diese überraschende Wendung feuerten nun Herb und Jared ihre Pistolen ab, doch sie konnten es nicht mit Jacks jahrelanger militärischer Erfahrung aufnehmen. Einige wenige Schüsse seinerseits genügten, um die Dreiergruppe zusammenzutreiben und von ihrem Vorhaben abzubringen. Jack erschoss die Männer nicht, obwohl er es mit Leichtigkeit gekonnt hätte. Gezielte Schüsse in die Beine erfüllten jedoch für den Augenblick ihren Zweck. Er fesselte die drei mit einigen Kabelbindern, die er in seinem Auto rumliegen hatte (Daniel hatte ihn am Tag zuvor gebeten, etwas an seiner Heimelektrik zu reparieren) und rief das FBI, bevor er sich Finn zuwendete, der zusammengerollt am Boden seiner Veranda lag und leise weinte. Jack schüttelte fassungslos den Kopf. Dieser Junge dort, war das nicht Finn? Wie konnte das sein? Dass der Junge, der damals tot aufgefunden wurde, nicht der Vermisste war, wusste der General schon länger, aber er hätte trotz allem nie erwartet, den Kleinen je lebend wieder zu sehen. Und nun lag eben dieser Junge leibhaftig vor seiner Haustür, wenn auch in einem erbärmlichen Zustand.

Jack ging zu dem Jungen und beugte sich über ihn. Gerade in dem Augenblick, als er seinen verletzten Arm untersuchen wollte, rief Finn panisch: „Nicht anfassen!“

Jack zog seine Hand zurück und sagte mit ruhiger Stimme: „Hey, ist ja gut. Ich tu dir nichts, ich will mir nur kurz deine Verletzung ansehen.“

Finn schüttelte erst den Kopf, doch nach einer kurzen Weile nahm er zögernd seine Hand von der Verletzung und ließ den Mann gewähren. Jack stellte erleichtert fest, dass es sich bei der Wunde des 13-Jährigen lediglich um einen Streifschuss handelte. Doch etwas anderes machte ihm Sorgen: Finns Husten. Er hustete fast unterbrochen schon seit Jack aus dem Haus gestürmt kam, um Davenport, Herb und Jared aufzuhalten.

„Kannst du aufstehen, Finn?“

Doch dieser schüttelte den Kopf.

„Meine Füße“, krächzte er. Sein Hals war so trocken und tat weh von dem Husten, der ihn nicht wieder losließ.

„Na gut“, seufzte Jack und stand auf. Er lief in das Haus und kam mit einer dicken Wolldecke wieder, die er über Finn ausbreitete. Es war kein Wunder, dass der Junge fast erfror, dachte Jack, nachdem er einen Blick auf die Kleidung des Jungen erhascht hatte.

„Ähm…ich muss dich zum Auto tragen. Dort ist es wärmer als hier draußen“, erklärte Jack. Finn nickte müde. Selbst wenn er es gewollt hätte, er hätte nicht die Kraft gehabt, sich gegen Jack zu wehren. Und so hob Jack den Jungen hoch und wunderte sich, wie leicht er war. Hastig trug er ihn zu seinem Auto hinüber und setzte ihn, nachdem er auf umständliche Art und Weise die Beifahrertür aufbekommen hatte, auf den Beifahrersitz. Dann drehte er die Standheizung auf und wickelte die Decke noch ein wenig fester um Finn, damit dieser es möglichst warm hätte. Er schloss die Tür mit den Worten: „Ich bin gleich wieder da“, und lief hastig zum Haus. Auf dem Weg warf er den gefesselten Kinderhändern einen Blick zu, der so vernichtend war, dass selbst ein ausgewachsener Goa’uld vor Respekt erstarrt wäre, kramte sein Handy aus der Tasche und telefonierte.

Finn hingegen sah müde aus dem Fenster. Der Schneesturm hatte wieder etwas an Stärke zugenommen und die Flocken wirbelten nur so an dem Auto vorbei. Eigentlich wäre er von diesem Schauspiel fasziniert gewesen, kannte er doch von seiner Heimat her gar keinen Schnee, aber momentan war es ihm egal. Er schloss die Augen. So müde hatte er sich noch nie gefühlt, nicht einmal während der vergangenen Monate. Jeder einzelne Teil seines Körpers schmerzte, schrie förmlich nach Schlaf, doch Finn hatte Angst; Angst vor den Träumen, die ihn heimsuchten, wenn er sich auch nur eine Sekunde zu lang entspannte. Außerdem wäre es kein ruhiger Schlaf geworden, denn der quälende Husten und das Kratzen im Hals hätten ihn ja doch immer wieder geweckt. Und so begnügte er sich damit, weiter aus dem Fenster zu starren und die Lichter einiger Häuser zu beobachten, die im Schneegestöber zu tanzen schienen.

Jack hatte Wort gehalten. Nur wenige Minuten, nachdem er die Tür des Autos geschlossen hatte, kam er mit vollen Armen wieder an. Kalter Wind schlug Finn entgegen, als Jack die Tür im hinteren Teil des Wagens öffnete. Er lehnte ein großes Kissen gegen die gegenüberliegende Tür. Dann half er Finn, auf die Rückbank zu klettern und deckte ihn mit einer Wolldecke und einer zusätzlichen, die er aus dem Haus geholt hatte, zu. Zu guter Letzt drückte er dem Jungen ein leicht ramponiertes Kuscheltier in die Hand, was Finn mit einem überraschten Blick quittierte.

„Es gehörte meinem Sohn, bevor er…naja, Charlie braucht es nicht mehr und er wäre sicher damit einverstanden, wenn du es kriegst. Es war sein Lieblingsplüschtier und heißt Skippy“, erklärte Jack leise. Er sprach nur ungern über seinen Sohn, der vor fast zehn Jahren durch einen Unfall mit Jacks Dienstwaffe mit gerade einmal 9 Jahren ums Leben gekommen war. Jack konnte machen, was er wollte, so wirklich kam er nie über den Verlust seines eigenen Kindes hinweg und manchmal ertappte er sich selbst dabei, wie er sich die Schuld an dem Drama gegeben hatte. Hätte er die Waffe nicht herumliegen lassen, dann hätte Charlie nicht damit gespielt und würde vielleicht noch leben. Finn sah das Plüschwesen, welches ein Känguru darstellte an, und drückte es an sich.

„Danke“, flüsterte er. Jack lächelte und verließ das Auto erneut. Jedoch nur, um es zu umrunden und auf dem Fahrersitz Platz zu nehmen. Doch er fuhr nicht los. Er wartete einige Minuten, bis weitere Autos auf sein Grundstück fuhren. Mit einem Blick zu Finn, der abwesend den Schnee beobachtete und dem Wort „Gleich“ auf den Lippen, stieg er aus und ging zu einigen in schwarz gekleideten Männern hinüber. Er wechselte einige Worte mit den Beamten des FBI und deutete dabei immer wieder abwechselnd auf sein Auto und die drei Männer, die gefesselt im Schnee hockten. Der ermittelnde Agent schickte drei Kollegen, um diese festzunehmen. Ein anderer sammelte die Pistolen und das Gewehr der drei ein. Der FBI-Agent, mit dem Jack gesprochen hatte, nickte abschließend zum General, worauf dieser zum Auto zurückging und es startete. Es ging los zum Stargate-Center im Cheyenne Mountain Complex, der unweit der Stadt lag und von dessen wahrer Begebenheit nur die wenigsten Menschen auf der Erde wussten. Während dieser Fahrt sah er öfters in den Rückspiegel zu Finn. Dieser hatte anfangs zurückgeschaut, doch schon bald sah Jack, dass er die Augen geschlossen hatte. Der Schlaf hatte ihn schlussendlich doch übermannt. Es war ein traumloser Schlaf, den Finn mit dem Plüschkänguru im Arm nun schlief. Der Anblick des Jungen war traurig. Er war mager und schmutzig, nur noch ein Schatten seiner selbst. Was in aller Welt hatten diese drei Mistkerle nur mit dem Kleinen gemacht? Er hustete zwar immer wieder, doch er wachte davon nicht auf, so erschöpft war Finn von der Tortur der letzten Monate.

Als Jack den Wagen anhielt, stand bereits Dr. Lam mit einer fahrbaren Patientenliege und mehreren Pflegern bereit. Jack hatte sie während der Fahrt telefonisch benachrichtigt. Nun weckte er den Jungen. Finn fuhr panisch auf und starrte Jack an. Er hatte die Orientierung verloren und schaute sich verängstigt um.

„Schon gut, Finn. Ich bin’s, Jack. Du bist in meinem Auto und wir sind vorm SGC. Verstehst du? Hier wird man dir helfen.“

Finn beruhigte sich langsam, dennoch verlor sein Blick seinen gehetzten Ausdruck nicht. Er senkte den Kopf. Langsam und ungelenk kletterte er aus dem Wagen und begab sich von Jack gestützt humpelnd zu den Ärzten. Nachdem Jack ihn auf die Liege gehoben und Finn sich zusammengerollt hatte, verabschiedete dieser sich von dem Jungen und versprach ihm, das Eisfischen irgendwann nachzuholen, wenn es Finn besser ging. Danach wurde er sofort zur Krankenstation gebracht.

Dort angekommen gab Dr. Lam Finn, mit der Bitte, sich umzuziehen, einen Satz Krankenhauskleidung und zog die Vorhänge um sein Bett zu, damit er ungestört war. Als sie etwa fünf Minuten später nachsah, saß er noch immer in seinen dünnen Sachen da und starrte ins Leere. Carolyn seufzte und strich dem Jungen sanft über den Arm, denn dieser daraufhin wegzog.

„Finn, zieh dich bitte um, ich will dir nur helfen. Ich tu dir nicht weh.“

Doch er schüttelte den Kopf, sein Blick blieb auf dem Psychologen Dr. Jeremiah Andrews haften. Carolyn folgte seinem Blick und an Dr. Andrews gewandt sagte sie: „Jeremiah, würden Sie bitte die Krankenstation kurz verlassen?“

„Ja, natürlich“, antwortete der Angesprochene nickend und ging hinaus. Carolyn wandte sich wieder ihrem jungen Patienten zu, der immer noch wie angewurzelt dasaß.

„Er ist weg, Finn. Keine Angst, dir tut niemand etwas.“

Doch erst als Carolyn auch die restlichen Personen in der Krankenstation gebeten hatte, diese zu verlassen, nahm Finn einen Teil seiner neuen Kleidung in die Hand und beäugte es misstrauisch.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte Carolyn vorsichtig. Finn sah sie an, als würde er zum ersten Mal einen anderen Menschen sehen. Dann nickte er langsam. Carolyn half ihm beim Umziehen und die Wunden, die dadurch zu Tage traten, entsetzten die junge Frau ungemein. Sie hielt inne und starrte auf den misshandelten Oberkörper des Jungen. Finn hingegen sah sie mit leerem Blick an.

„Wer hat dir das nur angetan“, flüsterte Carolyn erschüttert. Finn wandte den Blick ab und senkte seinen Kopf. Vergessen, er wollte nur noch vergessen. Carolyn schüttelte traurig den Kopf und zog dem Jungen das Oberteil an.

Als sie fertig war, rollte sich Finn auf der Liege zusammen. Obwohl er so schwach war, blass und abgemagert, so rotierten die Gedanken in seinem Kopf wie ein Schwarm grimmiger Bienen. Aber er wollte – nein, konnte – noch niemanden an seinen Gedanken und Erinnerungen teilhaben lassen. Er spürte die besorgten Blicke, aber er befand es für besser, nicht zu reagieren. Das letzte Mal – er hatte sich Cody gegenüber geöffnet – war viel zu schmerzhaft gewesen. Er hatte sich damals geschworen, dass er nie wieder jemanden verlieren würde, nie wieder. Er wollte keinen John Sheppard mehr in Atlantis zurücklassen, keine Tammy auf ihrem gemeinsamen Wanderweg, keine Sam, die zu Hause auf ihn wartete, keinen Cody, der ihm die Qualen wenigstens etwas erleichterte…Und das ging nur, wenn er keinen, aber auch (wirklich) niemanden mehr an sich heranließ.

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„Ich trete aus dem Militär aus“, erklärte John mit festem Blick und legte General Landry seine Kündigungspapiere auf den Tisch. Landry warf kurz einen geringschätzigen Blick darauf.

„Warum?“

„Ich…ich halte es in Atlantis keine Sekunde länger aus und hier auch nicht.“

„Was sagt Dr. Weir dazu?“

„Sie weiß es noch nicht.“

„Das kann ich nicht akzeptieren, Colonel.“

Das hatte John geahnt. Er wusste es, seit Rodney ihm davon abgeraten hatte. Er atmete tief durch.

„Ich will es aber. Sie verstehen es nicht, Sir, aber seit Finns Tod…ich kann nicht mehr…diese Erinnerungen – “

„Oops…entschuldigen Sie bitte. General, Sir, Dr. Lam will ihn jetzt untersuchen.“

Sam war hereingeplatzt und General Landry, der erst missbilligend geschaut hatte, verwendete nun seine komplette Aufmerksamkeit auf Sams Anliegen. John sah nur verwirrt zwischen den beiden Personen hin und her. Wen wollte Dr. Lam untersuchen? Was war hier nur los?

„Entschuldigung akzeptiert. Colonel Sheppard, wenn Sie uns entschuldigen würden. Ich bin gleich wieder für Sie da.“

„General, was – ?“

„Gleich, Colonel! Wegtreten.“

Ohne weitere Widerworte zuzulassen wurde John aus Landrys Büro hinauskomplimentiert. Dann nahm Landry wieder auf seinem Stuhl Platz und bot Sam den Platz an, den wenige Sekunden zuvor noch John besetzt hatte.

„Der Junge ist also wohlbehalten hier angekommen?“

„Ja, Sir, vor wenigen Minuten erst. Sir, noch einmal. Ich war so froh, als General O’Neill mir Bescheid gegeben hatte, dass Finn noch lebt.“

„Das kann ich gut verstehen“, sagte Landry lächelnd, „Wie geht es ihm jetzt?“

„Das kann ich so gar nicht sagen. Wie ich vorhin bereits erwähnt habe, will Ihre Tochter ihn jetzt untersuchen. Soll ich vielleicht Dr. Beckett Bescheid geben? Er ist immerhin ein Mensch, den Finn kennt, verstehen Sie?“

„Ja, natürlich, ich weiß. Aber halten ihn nicht alle noch für…Sie wissen schon?“

„Oh ja…wir konnten weder Dr. Weir noch die anderen bisher benachrichtigen. Eine Frage, wenn Sie erlauben, Sir, was ist mit Colonel Sheppard?“

Landry lachte auf und reichte Sam das Kündigungsschreiben.

„Reden Sie ihm das aus, Colonel. Aber bitte erwähnen Sie Finn ihm gegenüber noch nicht. Der Arme ist noch sehr aufgewühlt und das würde ihn wahrscheinlich komplett aus der Bahn werfen. Er wird es bald erfahren, aber noch ist es zu früh.“

„Ja, Sir. Wenn Sie mich entschuldigen würden, ich habe noch viel zu tun, General.“

„Natürlich, Colonel Carter. Wegtreten.“

Sam verließ den Raum mit einem Lächeln auf dem Gesicht, woraufhin ein reichlich verwirrt dreinblickender John Sheppard eintrat.

„Nehmen Sie Platz, Colonel. Wir wurden gerade unterbrochen“, bemerkte Landry amüsiert.

„Ja…was ist jetzt mit der Kündigung?“

„Nun, wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, akzeptiere ich Ihren Austritt aus dem Militär nicht.“

„Aber wieso?“

„Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Hören Sie, Colonel Sheppard, Sie sind ein fähiger Mann. Ich weiß, dass Sie manchmal so Ihre Schwierigkeiten haben mit der Autorität und ginge es nach Colonel Caldwell, dann wären Sie noch immer Major. Also, sehen Sie, Sie gehören zu Air Force und vor allem gehören Sie als militärischer Leiter nach Atlantis!“

„Atlantis…ich kann es nicht mehr hören!“

„Ich verstehe ja. Immerhin haben Sie einen wichtigen Menschen von dort verloren.“

„Wichtig, ja…“

„Ich schlage vor, Sie reden mal mit Colonel Carter darüber. Sehen Sie, ich bin nicht besonders gut in solchen Dingen. Aber da Colonel Carter den Schmerz über diesen Verlust mit Ihnen teilt, denke ich, dass sie die bessere Ansprechpartnerin ist.“

„Ja, wahrscheinlich.“

„Gut. Danach können wir immer noch über Ihr Ausscheiden aus der Air Force sprechen. Wer weiß, vielleicht ändern Sie ja Ihre Meinung noch einmal.“

„Naja, wer weiß…“

Seit seinem ersten Besuch an Finns Grab schien es John, als wäre er um Jahrzehnte gealtert. Es war, als hätte man ihm eine tonnenschwere Last auf die Schultern gepackt. Er schlief schlecht, hatte kaum Appetit und fühlte sich schrecklich. Ständig und überall glaubte er, Finn zu hören oder zu sehen. Es war jedesmal ein Flüstern, das an sein Ohr drang oder ein Schatten, der irgendwo vorbei flog. Als er Landrys Büro verließ, war es ganz besonders schlimm. Die ganze Welt schien sich gegen ihn gewandt zu haben und selbst Finn schien ihn aus dem Jenseits flüsternd von seinem Vorhaben abhalten zu wollen. Um sich zu beruhigen, entschied sich John, zum Friedhof zu fahren. Vielleicht konnte er dort ein wenig Frieden finden. John verbrachte beinahe jeden Tag, den er auf der Erde war, an Finns Grab. Er fühlte sich schuldig, weil er damals Landrys Befehl nachgegeben hatte und bat an dem Grab des Jungen um Verzeihung. Er seufzte. Es gab noch so viel, das er Finn noch hätte sagen und vor allem zeigen wollen. Aber das alles war nun nicht mehr möglich.

Auf dem Weg zu den Aufzügen, die John zu den oberen Ebenen des SGC bringen sollten, begegnete er Dr. Beckett, der sich, in einen weißen Kittel gekleidet, konzentriert mit Dr. Lam unterhielt und in einer Akte blätterte. Die beiden waren auf dem Weg zur Krankenstation und bemerkten John überhaupt nicht. Dieser war verwundert, denn soweit er informiert war, hatte Carson keine Patienten. Die Patienten in Atlantis hatte Dr. Frank Sherman übernommen.

Und dann hörte er es: Jemand, John wusste nicht genau, wer von beiden es war, nannte einen Namen, der ihn wie ein Blitz durchzuckte: Finn. Er blieb wie angewurzelt stehen. Hatte er sich gerade verhört? Nein, es ging tatsächlich um Finn. Doch noch viel überraschender war, dass es in ihrer Unterhaltung nicht um einen Obduktionsbericht oder dergleichen ging, sondern um eine mögliche Therapie!

count, too, can

Hier die vier

Hmmmm...mir is langweilig...ich weiß auch warum, aber das interessiert hier eh keinen. Okay, draußen regnet's  und gewittert's, iwie das einzig angenehme heute...zumindestens im Moment xD...guuuut, dann setz' ich hier einfach mal Kapitel 4 in die Welt *huh*...

IV. Hitchhike Back to Life


„Alles in Ordnung?“, fragte Osbourne, nachdem er sich neben Finn auf die mottenzerfressene Matratze gesetzt hatte. Er legte sanft seine Hand auf die von Finn, wich aber zurück, als er merkte, wie der Junge seine zurückzog.

„Was ist passiert? Ich habe gehört, Cody ist tot.“

Finn atmete scharf ein. Er hatte die letzten Tage versucht, den Verlust zu verdrängen. Aber Osbourne stocherte erneut in dieser frischen Wunde herum. Der Junge erhob sich langsam von der Matratze und ging in den vorderen Teil des Trailers.

„Ja“, sagte er leise. „Cody ist tot.“

Finn spürte, wie Osbournes Blick ihm interessiert folgte. Aber das war ihm egal, denn er hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. Er hob es auf. Es war schwer und kalt, aber es lag gut in der Hand und würde ihm behilflich sein, bei der Erfüllung seines Traumes. Schon so oft war er die einzelnen Schritte durchgegangen und hatte jedes einzelne Detail mit einbezogen. Langsam drehte er sich zu Osbourne um und ließ unauffällig seinen Fund hinter seinem Rücken verschwinden. Langsam schritt er auf den Mann zu, der sich auf der Matratze zurücklehnte. Finn nahm den Blick nicht eine Sekunde lang von Osbourne und zuckte auch nicht, als er in die Reichweite seiner Berührungen gekommen war. Osbourne ergriff Finns Oberarme und zog ihn zu sich herunter.

„Du bist heute anders als sonst, junger Mann“, wisperte Osbourne in sein Ohr.

Finn erwiderte nichts darauf, sondern erwiderte halbherzig den Kuss, den ihm Osbourne auf den Mund drückte. Er ekelte sich vor dessen Mundgeruch, aber er wehrte sich kaum. Auch nicht dagegen wie die Hände des Mannes seinen Körper überall berührten.

„Steh mal kurz auf“, sagte Osbourne, der sich selbst erhob, um seine Hose zu öffnen. Finn kam seiner Aufforderung schweigend nach. Anstatt aber abzuwarten, holte er seinen Fundgegenstand hervor, der sich als schweres Eisenrohr entpuppte, das im Trailer gelegen hat und mit denen die Freier die Kinder misshandeln konnten, und holte aus. Osbourne nahm die schnelle, katzenhafte Bewegung des Jungen wahr und starrte ihn überrascht an.

„Was-?“

„Es tut mir leid“, wisperte Finn und schlug zu. Wie in Zeitlupe sackte Clark Osbourne mit einer heftig blutenden Kopfwunde bewusstlos zusammen. Finn atmete tief durch und schaute sich um, bevor er die Tür des Trailers öffnete. Er spähte hinaus. Draußen tobte inzwischen ein Schneesturm, die Sicht war auch nicht die beste. Sein Blick ging in Richtung Blockhaus, das nur noch in Umrissen erkennbar war. Es lag ruhig da, Licht brannte, alle Personen schienen sich drinnen aufzuhalten. Kein Wunder bei dem Wetter, dachte Finn grimmig und schlüpfte hinaus in die Kälte. Er wusste, dass er nicht mehr viel Zeit hatte, jedem Freier wurden gerade einmal eineinhalb Stunden mit einem der Kinder zugestanden und eine viertel Stunde war bereits vergangen.

Finn stapfte also durch den Schnee und erinnerte sich an den Tag, an dem er entführt worden war. Dies war der schwärzeste Tag seines jungen Lebens gewesen und nun schien es tatsächlich so, als könne er seiner ganz persönlichen Hölle entkommen. Obwohl er schon nach wenigen Minuten erbärmlich fror und seine Füße, die in mit Zeitung und Stroh ausgestopften Socken steckten, welche wenigstens die ärgste Kälte fernhalten sollten, kaum noch spürte, setzte er seinen Weg fort. Schon bald befand er sich inmitten des Waldes und hatte absolut keine Ahnung, in welche Richtung er nun gehen sollte. Nur eines wusste er mit Bestimmtheit: Im Leben würde er nie wieder an den Ort seiner Leiden zurückkehren. Davenport würde ihn schon erschießen müssen. Und so ging er einfach gerade aus weiter, so gut es ging. Immer der Nase nach. Ein Satz, den John gebraucht hatte, als er Finn das erste Mal durch Atlantis geführt hatte und als der Junge gefragt hatte, von wo man die beste Sicht auf das Meer hatte. Ein trauriges Lächeln der Erinnerung huschte über sein Gesicht und er fragte sich, wie schon so oft in den letzten Monaten, ob er sein geliebtes Atlantis mit all seinen Bewohnern und ganz besonders John wohl je wiedersehen würde.

Seit zwei Stunden irrte Finn nun im Wald umher und ihm war bitterkalt. Er hatte die Orientierung verloren und trotz der Erfahrung, die er aufgrund seiner Herkunft hatte, sah nun jeder Baum für ihn komplett gleich aus. In der Ferne hörte er einen Wolf heulen, was ihn erschaudern ließ. Als er kurz darauf einen Schuss hörte, der das Heulen des Tieres in ein schmerzvolles Jaulen verwandelte, erfasste ihn die nackte Panik: Davenport! Er musste bemerkt haben, dass Finn die Flucht gewagt hatte, vielleicht war Osbourne inzwischen aufgewacht und hatte ihn verpfiffen und nun war Max Davenport zusammen mit Herb und Jared auf der Suche nach ihm. Also kämpfte sich Finn weiter durch den Schnee. Rennen war schier unmöglich; erstens war der Schnee an manchen Stellen hüfthoch verweht, zweitens war die Sicht durch den Sturm so schlecht, dass er nur wenige Fuß weit sehen konnte und drittens taten ihm seine Füße schon so weh, dass die geringste Bewegung ihn halb wahnsinnig machte. Er sah kurz auf seine Füße, die Socken waren schon völlig durchweicht und stapfte, so schnell es ihm möglich war weiter. Er wusste es nicht genau, aber er glaubte, dass er in Richtung Nordwesten, in Richtung Colorado Springs ging. Obwohl Schnee und Wind unheimlich an seinen Kräften zehrten und ihm alles abverlangten, hatte er ihn auf seiner Seite, denn durch den Sturm wurden seine Fußspuren schnell verweht.

Der Hunger wuchs und schwächte ihn zusätzlich. Es musste schon sehr lange nach Mittag sein und der Sturm wurde noch stärker. Kaum, dass er die Hand vor Augen sehen konnte, irrte er durch den Nadelwald. Doch kurz, bevor es dunkel wurde, wurde der Wald lichter, die Abstände zwischen den Bäumen immer größer und er hörte in der Ferne Autos eine Straße entlang fahren. Diesem Geräusch näherte er sich mit dem wachsenden Gefühl der Hoffnung, während er vor einem anderen Geräusch, dass er sich vielleicht nur einbildete, zu fliehen versuchte. Finn wusste nicht, ob es real war, aber er glaubte, Äste knacken zu hören und die wütenden Stimme Davenports, die der Wind zu ihm wehte. Doch bald hatte er die Straße erreicht. Eine Weile lang folgte er dem Verlauf dieser Straße, bis er ein Hinweisschild fand, auf dem in großen Buchstaben stand:

Colorado Springs
5 Miles


Allerdings musste er dafür die entgegengesetzte Richtung einschlagen und er hatte Angst, dass er somit direkt in die Arme Davenports laufen würde. Seine einzige Chance, dem eventuell zu entgehen wäre, die Straßenseite zu wechseln. Doch das stellte sich als kompliziert heraus, denn die Straße war sehr stark befahren. Aber Finn fasste sich ein Herz und als die Straße für einen kurzen Moment leerer war, wagte er den schmerzhaften Sprint. Dafür erntete er wütendes Hupen und einen empörten Ruf eines erschrockenen Autofahrers, als er gerade drüben angekommen war:

„Hey, du Irrer! Bist du lebensmüde, oder was?!“

Finn sank erschöpft auf die Knie und hielt sich die Brust. Sein Herz hämmerte wie wild von innen gegen die Rippen und seine Lungen schmerzten unheimlich wegen der kalten Luft die er hastig einatmete. Zudem machten ihn seine Füße zu schaffen und so lange er sich hier ausruhte, zog er seine Füße unter seinen Körper, um sie wenigstens etwas aufzuwärmen. Aber der Schmerz trieb ihm schier die Tränen in die Augen. Er hielt es nur kurz aus, denn die Bewegung hatte ihn halbwegs warm gehalten, jedoch nun, da er auf dem Boden hockte, bahnte sich die Kälte unbarmherzig ihren Weg durch seine dünnen Sachen. Also stand er nach wenigen Minuten wieder auf und humpelte weiter, jetzt mit dem konkreten Ziel vor Augen: Colorado Springs.

Die Dunkelheit brach ein, als Finn, erschöpft wie er war, die 370.000-Einwohner-Stadt erreichte. Ein Teilziel hatte er erreicht. Er wusste, dass Jack O’Neill in dieser Stadt wohnte. Irgendwo am Stadtrand, doch Finn hatte keine Ahnung wo genau. Er seufzte und entschied sich, die Stadt in Richtung Westen zu umrunden. Die Pausen, die er einlegen musste, kamen nun immer häufiger vor und dauerten immer länger. Er hatte Hunger, Durst, war schwer verletzt und fror, wie er noch nie in seinem Leben gefroren hatte. Und doch hielt ihn der Überlebenswille auf den Beinen und er hinkte, zu Weilen auch taumelnd weiter. Stunde um Stunde legte er Meile um Meile zurück und sah sich dabei immer wieder gehetzt um, wie ein Hase, der unbarmherzig von einem Wolfsrudel gejagt wurde.

Auf seinem Weg begegnete er nur wenigen Menschen, denn obwohl der Schneesturm inzwischen nachließ, blieben viele in ihren Wohnungen. Diejenigen, denen er dennoch über den Weg lief, hatten für ihn mitleidige Blicke übrig. Wenige jedoch sahen ihn angewidert an, als wäre er ein dahergelaufener Junkie auf der Suche nach dem nächsten Schuss oder ein kleiner Bettler, der ihnen das Geld aus der Tasche leiern wollte. Aber Finn nahm die Blicke der Leute kaum wahr. Er setzte seinen Weg unbeirrt fort, bis es vor ihm auftauchte: Jack O’Neills Haus. Finn blieb stehen. Er konnte es kaum glauben, aber er stand tatsächlich vor Jacks Haus. Nur einmal zuvor hatte er es gesehen, nämlich als er zusammen mit Sam Carter Jack besucht hatte. Finn konnte sich nicht mehr genau erinnern, aus welchem Grund dieser Besuch stattgefunden hatte, aber im Moment war er so unendlich froh, dass er sich wenigstens daran erinnern konnte, wie das Haus aussah.

„Hey, Bastard, bleib stehen!“

Diese Stimme zerschnitt die Stille, die zwischen zwei Windböen entstanden war. Finn blieb tatsächlich stehen und wirbelte herum. Was er sah, ließ ihm glatt das Blut in den Adern gefrieren. Er starrte direkt in den Lauf eines Gewehres, das in etwa sechs Metern Entfernung auf ihn gerichtet war. Finn schluckte. Nun hatte Davenport ihn doch eingeholt.

„Ich bring dich um, du kleiner Bastard!“, schrie Davenport dem Jungen entgegen, „Mir läuft nie wieder das beste Pferd im Stall davon, hast du verstanden?! Du hast doch nicht wirklich geglaubt, du hättest mehr Glück als dieser nichtswürdige Cody?!“

Finn wich zurück, jede Faser seines Körpers schrie danach, wegzulaufen, zum Haus zu rennen und Jack auf sich aufmerksam zu machen. Und alle Vorsicht über Bord werfend gab er sich seinen Instinkten hin und rannte. Schüsse peitschten wütend an ihm vorbei und zornige Flüche sowie hastige Schritte, verfolgten ihn. Doch Finn schaffte es wie durch ein Wunder unverletzt an die Tür des Holzhauses und trommelte panisch mit den Fäusten dagegen. Die Schüsse hörten auf, nur noch einer fiel und riss den Jungen von den Füßen, bevor er ein Loch in die Tür schlug. Auf dem Boden liegend wimmerte Finn vor Schmerz und Kälte. Er hielt sich den rechten Arm und unter seiner Hand sickerte warmes Blut hervor. Der Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen. Und plötzlich spürte er heißes Metall an seiner Schläfe. Er wusste, es war Davenport und er wusste auch, gleich würde er sterben. Und vielleicht war es diese Gewissheit, die ihm einen ungeahnten Mut verlieh.

„Dann schieß doch endlich!“, rief Finn, heiße Tränen vergießend, „bring mich um, wie du Cody umgebracht hast!“

Doch Davenport konnte den finalen Schuss nicht abgeben. Finn nahm die Bewegung kaum wahr, die dazu führte, dass sein Entführer nach hinten taumelte und das Gewehr verlor. Jack war aus dem Haus gestürmt und hinderte Davenport daran, einen weiteren Mord zu begehen. Als Antwort auf diese überraschende Wendung feuerten nun Herb und Jared ihre Pistolen ab, doch sie konnten es nicht mit Jacks jahrelanger militärischer Erfahrung aufnehmen. Einige wenige Schüsse seinerseits genügten, um die Dreiergruppe zusammenzutreiben und von ihrem Vorhaben abzubringen. Jack erschoss die Männer nicht, obwohl er es mit Leichtigkeit gekonnt hätte. Gezielte Schüsse in die Beine erfüllten jedoch für den Augenblick ihren Zweck. Er fesselte die drei mit einigen Kabelbindern, die er in seinem Auto rumliegen hatte (Daniel hatte ihn am Tag zuvor gebeten, etwas an seiner Heimelektrik zu reparieren) und rief das FBI, bevor er sich Finn zuwendete, der zusammengerollt am Boden seiner Veranda lag und leise weinte. Jack schüttelte fassungslos den Kopf. Dieser Junge dort, war das nicht Finn? Wie konnte das sein? Dass der Junge, der damals tot aufgefunden wurde, nicht der Vermisste war, wusste der General schon länger, aber er hätte trotz allem nie erwartet, den Kleinen je lebend wieder zu sehen. Und nun lag eben dieser Junge leibhaftig vor seiner Haustür, wenn auch in einem erbärmlichen Zustand.

Jack ging zu dem Jungen und beugte sich über ihn. Gerade in dem Augenblick, als er seinen verletzten Arm untersuchen wollte, rief Finn panisch: „Nicht anfassen!“

Jack zog seine Hand zurück und sagte mit ruhiger Stimme: „Hey, ist ja gut. Ich tu dir nichts, ich will mir nur kurz deine Verletzung ansehen.“

Finn schüttelte erst den Kopf, doch nach einer kurzen Weile nahm er zögernd seine Hand von der Verletzung und ließ den Mann gewähren. Jack stellte erleichtert fest, dass es sich bei der Wunde des 13-Jährigen lediglich um einen Streifschuss handelte. Doch etwas anderes machte ihm Sorgen: Finns Husten. Er hustete fast unterbrochen schon seit Jack aus dem Haus gestürmt kam, um Davenport, Herb und Jared aufzuhalten.

„Kannst du aufstehen, Finn?“

Doch dieser schüttelte den Kopf.

„Meine Füße“, krächzte er. Sein Hals war so trocken und tat weh von dem Husten, der ihn nicht wieder losließ.

„Na gut“, seufzte Jack und stand auf. Er lief in das Haus und kam mit einer dicken Wolldecke wieder, die er über Finn ausbreitete. Es war kein Wunder, dass der Junge fast erfror, dachte Jack, nachdem er einen Blick auf die Kleidung des Jungen erhascht hatte.

„Ähm…ich muss dich zum Auto tragen. Dort ist es wärmer als hier draußen“, erklärte Jack. Finn nickte müde. Selbst wenn er es gewollt hätte, er hätte nicht die Kraft gehabt, sich gegen Jack zu wehren. Und so hob Jack den Jungen hoch und wunderte sich, wie leicht er war. Hastig trug er ihn zu seinem Auto hinüber und setzte ihn, nachdem er auf umständliche Art und Weise die Beifahrertür aufbekommen hatte, auf den Beifahrersitz. Dann drehte er die Standheizung auf und wickelte die Decke noch ein wenig fester um Finn, damit dieser es möglichst warm hätte. Er schloss die Tür mit den Worten: „Ich bin gleich wieder da“, und lief hastig zum Haus. Auf dem Weg warf er den gefesselten Kinderhändern einen Blick zu, der so vernichtend war, dass selbst ein ausgewachsener Goa’uld vor Respekt erstarrt wäre, kramte sein Handy aus der Tasche und telefonierte.

Finn hingegen sah müde aus dem Fenster. Der Schneesturm hatte wieder etwas an Stärke zugenommen und die Flocken wirbelten nur so an dem Auto vorbei. Eigentlich wäre er von diesem Schauspiel fasziniert gewesen, kannte er doch von seiner Heimat her gar keinen Schnee, aber momentan war es ihm egal. Er schloss die Augen. So müde hatte er sich noch nie gefühlt, nicht einmal während der vergangenen Monate. Jeder einzelne Teil seines Körpers schmerzte, schrie förmlich nach Schlaf, doch Finn hatte Angst; Angst vor den Träumen, die ihn heimsuchten, wenn er sich auch nur eine Sekunde zu lang entspannte. Außerdem wäre es kein ruhiger Schlaf geworden, denn der quälende Husten und das Kratzen im Hals hätten ihn ja doch immer wieder geweckt. Und so begnügte er sich damit, weiter aus dem Fenster zu starren und die Lichter einiger Häuser zu beobachten, die im Schneegestöber zu tanzen schienen.

Jack hatte Wort gehalten. Nur wenige Minuten, nachdem er die Tür des Autos geschlossen hatte, kam er mit vollen Armen wieder an. Kalter Wind schlug Finn entgegen, als Jack die Tür im hinteren Teil des Wagens öffnete. Er lehnte ein großes Kissen gegen die gegenüberliegende Tür. Dann half er Finn, auf die Rückbank zu klettern und deckte ihn mit einer Wolldecke und einer zusätzlichen, die er aus dem Haus geholt hatte, zu. Zu guter Letzt drückte er dem Jungen ein leicht ramponiertes Kuscheltier in die Hand, was Finn mit einem überraschten Blick quittierte.

„Es gehörte meinem Sohn, bevor er…naja, Charlie braucht es nicht mehr und er wäre sicher damit einverstanden, wenn du es kriegst. Es war sein Lieblingsplüschtier und heißt Skippy“, erklärte Jack leise. Er sprach nur ungern über seinen Sohn, der vor fast zehn Jahren durch einen Unfall mit Jacks Dienstwaffe mit gerade einmal 9 Jahren ums Leben gekommen war. Jack konnte machen, was er wollte, so wirklich kam er nie über den Verlust seines eigenen Kindes hinweg und manchmal ertappte er sich selbst dabei, wie er sich die Schuld an dem Drama gegeben hatte. Hätte er die Waffe nicht herumliegen lassen, dann hätte Charlie nicht damit gespielt und würde vielleicht noch leben. Finn sah das Plüschwesen, welches ein Känguru darstellte an, und drückte es an sich.

„Danke“, flüsterte er. Jack lächelte und verließ das Auto erneut. Jedoch nur, um es zu umrunden und auf dem Fahrersitz Platz zu nehmen. Doch er fuhr nicht los. Er wartete einige Minuten, bis weitere Autos auf sein Grundstück fuhren. Mit einem Blick zu Finn, der abwesend den Schnee beobachtete und dem Wort „Gleich“ auf den Lippen, stieg er aus und ging zu einigen in schwarz gekleideten Männern hinüber. Er wechselte einige Worte mit den Beamten des FBI und deutete dabei immer wieder abwechselnd auf sein Auto und die drei Männer, die gefesselt im Schnee hockten. Der ermittelnde Agent schickte drei Kollegen, um diese festzunehmen. Ein anderer sammelte die Pistolen und das Gewehr der drei ein. Der FBI-Agent, mit dem Jack gesprochen hatte, nickte abschließend zum General, worauf dieser zum Auto zurückging und es startete. Es ging los zum Stargate-Center im Cheyenne Mountain Complex, der unweit der Stadt lag und von dessen wahrer Begebenheit nur die wenigsten Menschen auf der Erde wussten. Während dieser Fahrt sah er öfters in den Rückspiegel zu Finn. Dieser hatte anfangs zurückgeschaut, doch schon bald sah Jack, dass er die Augen geschlossen hatte. Der Schlaf hatte ihn schlussendlich doch übermannt. Es war ein traumloser Schlaf, den Finn mit dem Plüschkänguru im Arm nun schlief. Der Anblick des Jungen war traurig. Er war mager und schmutzig, nur noch ein Schatten seiner selbst. Was in aller Welt hatten diese drei Mistkerle nur mit dem Kleinen gemacht? Er hustete zwar immer wieder, doch er wachte davon nicht auf, so erschöpft war Finn von der Tortur der letzten Monate.

Als Jack den Wagen anhielt, stand bereits Dr. Lam mit einer fahrbaren Patientenliege und mehreren Pflegern bereit. Jack hatte sie während der Fahrt telefonisch benachrichtigt. Nun weckte er den Jungen. Finn fuhr panisch auf und starrte Jack an. Er hatte die Orientierung verloren und schaute sich verängstigt um.

„Schon gut, Finn. Ich bin’s, Jack. Du bist in meinem Auto und wir sind vorm SGC. Verstehst du? Hier wird man dir helfen.“

Finn beruhigte sich langsam, dennoch verlor sein Blick seinen gehetzten Ausdruck nicht. Er senkte den Kopf. Langsam und ungelenk kletterte er aus dem Wagen und begab sich von Jack gestützt humpelnd zu den Ärzten. Nachdem Jack ihn auf die Liege gehoben und Finn sich zusammengerollt hatte, verabschiedete dieser sich von dem Jungen und versprach ihm, das Eisfischen irgendwann nachzuholen, wenn es Finn besser ging. Danach wurde er sofort zur Krankenstation gebracht.

Dort angekommen gab Dr. Lam Finn, mit der Bitte, sich umzuziehen, einen Satz Krankenhauskleidung und zog die Vorhänge um sein Bett zu, damit er ungestört war. Als sie etwa fünf Minuten später nachsah, saß er noch immer in seinen dünnen Sachen da und starrte ins Leere. Carolyn seufzte und strich dem Jungen sanft über den Arm, denn dieser daraufhin wegzog.

„Finn, zieh dich bitte um, ich will dir nur helfen. Ich tu dir nicht weh.“

Doch er schüttelte den Kopf, sein Blick blieb auf dem Psychologen Dr. Jeremiah Andrews haften. Carolyn folgte seinem Blick und an Dr. Andrews gewandt sagte sie: „Jeremiah, würden Sie bitte die Krankenstation kurz verlassen?“

„Ja, natürlich“, antwortete der Angesprochene nickend und ging hinaus. Carolyn wandte sich wieder ihrem jungen Patienten zu, der immer noch wie angewurzelt dasaß.

„Er ist weg, Finn. Keine Angst, dir tut niemand etwas.“

Doch erst als Carolyn auch die restlichen Personen in der Krankenstation gebeten hatte, diese zu verlassen, nahm Finn einen Teil seiner neuen Kleidung in die Hand und beäugte es misstrauisch.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte Carolyn vorsichtig. Finn sah sie an, als würde er zum ersten Mal einen anderen Menschen sehen. Dann nickte er langsam. Carolyn half ihm beim Umziehen und die Wunden, die dadurch zu Tage traten, entsetzten die junge Frau ungemein. Sie hielt inne und starrte auf den misshandelten Oberkörper des Jungen. Finn hingegen sah sie mit leerem Blick an.

„Wer hat dir das nur angetan“, flüsterte Carolyn erschüttert. Finn wandte den Blick ab und senkte seinen Kopf. Vergessen, er wollte nur noch vergessen. Carolyn schüttelte traurig den Kopf und zog dem Jungen das Oberteil an.

Als sie fertig war, rollte sich Finn auf der Liege zusammen. Obwohl er so schwach war, blass und abgemagert, so rotierten die Gedanken in seinem Kopf wie ein Schwarm grimmiger Bienen. Aber er wollte – nein, konnte – noch niemanden an seinen Gedanken und Erinnerungen teilhaben lassen. Er spürte die besorgten Blicke, aber er befand es für besser, nicht zu reagieren. Das letzte Mal – er hatte sich Cody gegenüber geöffnet – war viel zu schmerzhaft gewesen. Er hatte sich damals geschworen, dass er nie wieder jemanden verlieren würde, nie wieder. Er wollte keinen John Sheppard mehr in Atlantis zurücklassen, keine Tammy auf ihrem gemeinsamen Wanderweg, keine Sam, die zu Hause auf ihn wartete, keinen Cody, der ihm die Qualen wenigstens etwas erleichterte…Und das ging nur, wenn er keinen, aber auch (wirklich) niemanden mehr an sich heranließ.

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„Ich trete aus dem Militär aus“, erklärte John mit festem Blick und legte General Landry seine Kündigungspapiere auf den Tisch. Landry warf kurz einen geringschätzigen Blick darauf.

„Warum?“

„Ich…ich halte es in Atlantis keine Sekunde länger aus und hier auch nicht.“

„Was sagt Dr. Weir dazu?“

„Sie weiß es noch nicht.“

„Das kann ich nicht akzeptieren, Colonel.“

Das hatte John geahnt. Er wusste es, seit Rodney ihm davon abgeraten hatte. Er atmete tief durch.

„Ich will es aber. Sie verstehen es nicht, Sir, aber seit Finns Tod…ich kann nicht mehr…diese Erinnerungen – “

„Oops…entschuldigen Sie bitte. General, Sir, Dr. Lam will ihn jetzt untersuchen.“

Sam war hereingeplatzt und General Landry, der erst missbilligend geschaut hatte, verwendete nun seine komplette Aufmerksamkeit auf Sams Anliegen. John sah nur verwirrt zwischen den beiden Personen hin und her. Wen wollte Dr. Lam untersuchen? Was war hier nur los?

„Entschuldigung akzeptiert. Colonel Sheppard, wenn Sie uns entschuldigen würden. Ich bin gleich wieder für Sie da.“

„General, was – ?“

„Gleich, Colonel! Wegtreten.“

Ohne weitere Widerworte zuzulassen wurde John aus Landrys Büro hinauskomplimentiert. Dann nahm Landry wieder auf seinem Stuhl Platz und bot Sam den Platz an, den wenige Sekunden zuvor noch John besetzt hatte.

„Der Junge ist also wohlbehalten hier angekommen?“

„Ja, Sir, vor wenigen Minuten erst. Sir, noch einmal. Ich war so froh, als General O’Neill mir Bescheid gegeben hatte, dass Finn noch lebt.“

„Das kann ich gut verstehen“, sagte Landry lächelnd, „Wie geht es ihm jetzt?“

„Das kann ich so gar nicht sagen. Wie ich vorhin bereits erwähnt habe, will Ihre Tochter ihn jetzt untersuchen. Soll ich vielleicht Dr. Beckett Bescheid geben? Er ist immerhin ein Mensch, den Finn kennt, verstehen Sie?“

„Ja, natürlich, ich weiß. Aber halten ihn nicht alle noch für…Sie wissen schon?“

„Oh ja…wir konnten weder Dr. Weir noch die anderen bisher benachrichtigen. Eine Frage, wenn Sie erlauben, Sir, was ist mit Colonel Sheppard?“

Landry lachte auf und reichte Sam das Kündigungsschreiben.

„Reden Sie ihm das aus, Colonel. Aber bitte erwähnen Sie Finn ihm gegenüber noch nicht. Der Arme ist noch sehr aufgewühlt und das würde ihn wahrscheinlich komplett aus der Bahn werfen. Er wird es bald erfahren, aber noch ist es zu früh.“

„Ja, Sir. Wenn Sie mich entschuldigen würden, ich habe noch viel zu tun, General.“

„Natürlich, Colonel Carter. Wegtreten.“

Sam verließ den Raum mit einem Lächeln auf dem Gesicht, woraufhin ein reichlich verwirrt dreinblickender John Sheppard eintrat.

„Nehmen Sie Platz, Colonel. Wir wurden gerade unterbrochen“, bemerkte Landry amüsiert.

„Ja…was ist jetzt mit der Kündigung?“

„Nun, wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, akzeptiere ich Ihren Austritt aus dem Militär nicht.“

„Aber wieso?“

„Das lassen Sie mal meine Sorge sein. Hören Sie, Colonel Sheppard, Sie sind ein fähiger Mann. Ich weiß, dass Sie manchmal so Ihre Schwierigkeiten haben mit der Autorität und ginge es nach Colonel Caldwell, dann wären Sie noch immer Major. Also, sehen Sie, Sie gehören zu Air Force und vor allem gehören Sie als militärischer Leiter nach Atlantis!“

„Atlantis…ich kann es nicht mehr hören!“

„Ich verstehe ja. Immerhin haben Sie einen wichtigen Menschen von dort verloren.“

„Wichtig, ja…“

„Ich schlage vor, Sie reden mal mit Colonel Carter darüber. Sehen Sie, ich bin nicht besonders gut in solchen Dingen. Aber da Colonel Carter den Schmerz über diesen Verlust mit Ihnen teilt, denke ich, dass sie die bessere Ansprechpartnerin ist.“

„Ja, wahrscheinlich.“

„Gut. Danach können wir immer noch über Ihr Ausscheiden aus der Air Force sprechen. Wer weiß, vielleicht ändern Sie ja Ihre Meinung noch einmal.“

„Naja, wer weiß…“

Seit seinem ersten Besuch an Finns Grab schien es John, als wäre er um Jahrzehnte gealtert. Es war, als hätte man ihm eine tonnenschwere Last auf die Schultern gepackt. Er schlief schlecht, hatte kaum Appetit und fühlte sich schrecklich. Ständig und überall glaubte er, Finn zu hören oder zu sehen. Es war jedesmal ein Flüstern, das an sein Ohr drang oder ein Schatten, der irgendwo vorbei flog. Als er Landrys Büro verließ, war es ganz besonders schlimm. Die ganze Welt schien sich gegen ihn gewandt zu haben und selbst Finn schien ihn aus dem Jenseits flüsternd von seinem Vorhaben abhalten zu wollen. Um sich zu beruhigen, entschied sich John, zum Friedhof zu fahren. Vielleicht konnte er dort ein wenig Frieden finden. John verbrachte beinahe jeden Tag, den er auf der Erde war, an Finns Grab. Er fühlte sich schuldig, weil er damals Landrys Befehl nachgegeben hatte und bat an dem Grab des Jungen um Verzeihung. Er seufzte. Es gab noch so viel, das er Finn noch hätte sagen und vor allem zeigen wollen. Aber das alles war nun nicht mehr möglich.

Auf dem Weg zu den Aufzügen, die John zu den oberen Ebenen des SGC bringen sollten, begegnete er Dr. Beckett, der sich, in einen weißen Kittel gekleidet, konzentriert mit Dr. Lam unterhielt und in einer Akte blätterte. Die beiden waren auf dem Weg zur Krankenstation und bemerkten John überhaupt nicht. Dieser war verwundert, denn soweit er informiert war, hatte Carson keine Patienten. Die Patienten in Atlantis hatte Dr. Frank Sherman übernommen.

Und dann hörte er es: Jemand, John wusste nicht genau, wer von beiden es war, nannte einen Namen, der ihn wie ein Blitz durchzuckte: Finn. Er blieb wie angewurzelt stehen. Hatte er sich gerade verhört? Nein, es ging tatsächlich um Finn. Doch noch viel überraschender war, dass es in ihrer Unterhaltung nicht um einen Obduktionsbericht oder dergleichen ging, sondern um eine mögliche Therapie!

May. 28th, 2007

count, too, can

(no subject)

Nyo, hier dann ist Kapitel 3 *hehe*. Es ist so ziemlich das böseste an der ganzen story, aber mir gefällt es :-). Uuuuuuunnnnnd, ich habe keinen Plan, warum das hier so besch******* kopiert wurde -.-"...ich habe MEINE story lediglich aus einem Forum kopiert, in dem ich die schonmal gepostet hatte *höhö*...naja, LJ moag des wohl ned so :P...

Uuiuiuiui, hier gewittert's grade *hihi* COOOOL, Flash-watching, that's fun ^____^.

III. When The Night Has Come... 


„Gibt es was Neues von Finn?“

Er verlangsamte seinen Schritt, als er Elizabeth eingeholt hatte. Sie waren auf dem Weg zum Ostpier, wo die Daedalus festgemacht hatte.

„Leider nicht, John“, sagte die Frau seufzend. Sie wusste, dass John verrückt vor Sorge sein musste und doch konnte sie nichts für ihn tun. „Es ist gewiss alles in Ordnung mit ihm, Colonel.“

„Ich weiß nicht…Wir haben uns seit August beinahe alle zwei Tage geschrieben. Aber sein letzter Brief ist nun gut dreieinhalb Monate her! Ich muss wissen, was da los ist!“

„Ich verstehe Sie ja. Und ich mache mir ja auch Sorgen um den Jungen. Aber im Moment müssen wir einfach abwarten und hoffen, dass es Finn gut geht.“

„Achtzehn Tage warten…na, wenigstens hat Caldwell uns die Erlaubnis gegeben, mit zur Erde zu kommen. Rodney hat mich vorhin übrigens gefragt, ob er mitkommen kann. Das ist doch okay?“

„Natürlich. Ich wollte ihn selbst gerade fragen. Zelenka wird solange übernehmen. John, machen Sie sich nicht so viele Gedanken.“

Warten, das war eine dieser Disziplinen, in denen er, Lieutenant Colonel John Sheppard, so wahnsinnig schlecht war. Er hatte sich immer wieder versucht einzureden, dass alles in Ordnung sei und das Finn lediglich viel um die Ohren hätte. Doch irgendwann haben ihn Ungeduld und Sorge beinahe aufgefressen. Er war in den letzten Wochen sehr unkonzentriert gewesen und Ronon hatte schon gedroht, ihn auf einem einsamen Planeten auszusetzen, denn John hatte das Team aufgrund seiner Unruhe schon mehrmals in Gefahr gebracht.

Finn fehlte ihm unheimlich. Seit die Briefe aufgehört hatten, war es noch schlimmer. Die Briefe waren zu einer Konstante in seinem tristen Alltag geworden, in gewisser Weise ein Strohhalm, an den er sich klammern konnte. Aber die Briefe konnten nicht die stundenlangen Gespräche mit Finn ersetzen. Stunden, manchmal sogar Nächte, vergingen, in denen sie über Belanglosigkeiten oder auch ernste Dinge redeten, in denen sie gemeinsam über Witze lachten oder über die Dinge, die Dr. McKay verzapft hatte. Finn war der einzige Mensch, gegenüber dem sich John in der Lage sah, sich zu öffnen. Finn Er hatte einfach die Fähigkeit, für jeden ein unvoreingenommenes Gefühl der Offenheit entgegenzubringen. Und sogar Rodney McKay war dies nicht entgangen, denn Finn war das einzige Kind, für das dieser exzentrische Wissenschaftler so etwas wie Sympathie empfand. Bei diesem Gedanken musste John unwillkürlich lächeln. Genau, Finn war schon ein ganz besonderer Mensch und deswegen vermisste er den Jungen so sehr.

So sehr sogar, dass er den Appetit verloren hatte und eigentlich permanent unter Kopfweh litt. In den letzten drei Wochen war er zum Stammgast auf der Krankenstation geworden. Dr. Carson Beckett hatte ihn schon so oft gescholten, er solle sich endlich einmal richtig ausruhen und regelmäßig essen.

„Sie haben acht Kilogramm abgenommen. Haben Sie etwa vor, hier auf der Krankenstation einzuziehen?“, hatte Carson nach einem erneuten Besuch halb im Scherz gesagt. John hatte nur müde abgewinkt. Er war sich seiner Situation durchaus bewusst, aber was sollte er denn tun? Das, was ihm wirklich helfen würde, war gerade in einer anderen Galaxie und beantwortete seine Briefe nicht mehr. Man hatte John sogar schon Termine bei Dr. Heightmeyer nahe gelegt. Es war sicher nicht das erste Mal gewesen, dass John in dieser Zeit die Fassung verloren hatte, wohl aber das heftigste Mal. Er hatte eine schwere Phase durchgemacht und deswegen hatte Elizabeth es beim Zurückschreien gelassen. An diesem Abend war John heilfroh, dass Carson und vor allem Rodney mit zur Erde kommen würden.
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Es war Dienstag kurz vor Weihnachten und der kleine Ort Stratton, Colorado war tief verschneit. Finn hatte sich am frühen Morgen allein auf den Weg zur Schule gemacht. Es war klirrend kalt und die meisten Schüler, wie auch Tammy, würden mit dem Schulbus fahren. Doch Finn war anders, ihm machte die Kälte nichts aus.

Und so stapfte er durch den zentimeterhohen Schnee, in Gedanken versunken, als ihn völlig unerwartet ein weißglühender Schmerz durchfuhr. Finn fiel vornüber, von einem Elektroschocker getroffen, und zuckte unkontrolliert auf dem Boden. Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, sah er verschwommen, wie sich zwei Männer über ihn beugten.

„Hmmm, genau, wie der Chef bestellt hat. Jared, uns hat doch keiner gesehen, oder?“, rief der ältere Mann dem Jüngeren zu.

„Nee, Herb. Um die Zeit und bei dem Wetter ist hier doch keiner unterwegs.“

„Na gut. Die Bullen können wir schließlich nicht gebrauchen. Pack mal mit an!“

Herb ergriff die Schultern des betäubten Kindes, während Jared dessen Beine packte. Gemeinsam trugen sie ihn zu einem schwarzen, unauffälligen Kleintransporter und warfen seine Schultasche achtlos in den Schnee.

„Tse, so ein Fliegengewicht. Der wiegt ja gar nix. Was will der Chef mit so einem halben Hemd?“, fragte Herb, nachdem sie eingestiegen waren und losfuhren.

„Keine Ahnung. Aber ich hab gehört, dass die Kundschaft sich zunehmend beschwert, die Ware wär nicht eng genug. Also, so wie der Zwerg da aussieht, werden die Kunden bald wieder zufrieden sein.“

„Mmh…am liebsten würde ich den ja selber mal ausprobieren. Testen, ob er auch wirklich eng genug ist.“

„Mensch, Herb, du weißt, was der Chef gesagt hat. Er will nur unbenutzte Ware. Du kannst dich bestimmt später an dem Jungen austoben.“

„Hm, und da soll noch mal einer sagen, Kinder könnten so was nicht“, feixte Herb.

„So ‚n Quatsch. So eng, wie die Bälger sind, können die’s besser als jede Schlampe dieser Welt.“

„Auf jeden. Sag mal, du hast ihm auch einen Sack über den Kopf gestülpt?“

„Klar“, entgegnete Jared. „hältst mich wohl für blöde.“

Sie fuhren noch etwas über eine Stunde, bevor sie in einem bewaldeten Gebiet vor einer Blockhütte hielten. Der nächste größere Ort, Marigold, Colorado, lag über zwei Stunden Autofahrt entfernt.

„Ah, ihr habt also etwas Geeignetes gefunden?“, begrüßte sie ein extrem gut gekleideter Mann Ende 30, als Jared und Herb den bewusstlosen Jungen an den Armen in die Hütte schleiften.

„Ja, wir hoffen, du bist zufrieden, Chef.“

„Was ist mit ihm? Ihr habt doch nicht etwa schon vorher –?“

„Nee, bestimmt nicht, Chef!“, antwortete Herb schnell und hob abwehrend die Hände.

„Ist auch besser so. Also, was hängt er da so rum wie ein nasser Sack?“
„Keine Ahnung. Wir haben geschockt wie jedes Jahr. Aber der hier ist hingeklatscht wie ein Ziegelstein.“

„Ich seh schon. Na gut, Jared, mach ihn fest. Wollen doch mal sehen, was so alles in unserem Neuzugang steckt.“

Während Jared Finn mit den Händen an einer Kette festmachte, die an einem Haken an der Decke befestigt war, ging sein Chef, Max Davenport, zu einem kleinen Schrank und holte ein Messer aus einer Schublade. Dann ging er langsam mit einem schmierigen Grinsen auf Finn zu und zerschnitt seine Kleidung, bis er völlig nackt war. Zufrieden musterte Davenport den Körper des Jungen.

„Schmächtig und noch relativ klein…Der wird der neue Star bei den Kunden. Ich hör schon die Kasse klingeln“, bemerkte Jared aus dem Hintergrund.

„Sicher. Der Kurze hier wird der Hit“, pflichtete Herb seinem Kumpanen bei.

„Das heißt, wenn er spurt. Aber das“, murmelte Davenport, als er bemerkte, dass Finn langsam aufwachte, „können wir ja gleich mal testen.“

Er zog dem Jungen den Jutesack vom Kopf und sein Grinsen wurde noch eine Spur schmieriger.

„Hmmm…“, machte er und leckte sich über die Lippen. „Ein ausgesprochen hübscher Bursche. Und die Haare, sehr ungewöhnlich. Nur die Narbe stört etwas…egal, was soll’s. Der Gesamteindruck zählt schließlich. Aha, er macht die Augen auf.“

„W-was…w-wo…wo bin ich?“

Verschwommen fluteten viel zu helle Bilder in sein allmählich erwachendes Bewusstsein, das vom Schmerz noch immer vernebelt war. Finn drehte seinen Kopf soweit es sein gequälter Körper zuließ, um wenigstens ein paar wenige Eindrücke dieses seltsamen Ortes einzufangen, an dem er sich nun befand. Nur sehr langsam klärte sich die Sicht. Dann bemerkte er, dass er keine Kleidung mehr anhatte und erbärmlich fror. Er schluckte schwer, unbeschreibliche Panik stieg in ihm auf.

„W-was ist los, was…?!“

Seine Stimme klang so armselig und schwach. Plötzlich spürte er auch noch den kalten Stahl einer Messerklinge, die an der Haut seines Halses entlang fuhr.

„Das wirst du noch früh genug erfahren, mein Junge…das heißt, wenn du gehorchst. Wenn nicht“, grinste Davenport hinterlistig und rammte sein Knie in Finns Genitalien. „Dann wirst du Leiden und dir wünschen, dass du nie geboren wärst!“

Der neuerliche Schmerz raubte Finn den Atem und trieb ihm die Tränen in die Augen. Wo zum Teufel war er hier nur hinein geraten?

„Hey, Chef, sieh mal, was ich gefunden hab!“

Jared hielt einen glitzernden Gegenstand in die Luft, als er die Sachen des Jungen durchwühlte. Finn erkannte sie aus den Augenwinkeln: Johns Erkennungsmarken, die er ihm zum Abschied geschenkt hatte.

„Hat wohl einen Freund beim Militär, was?“, entgegnete Davenport kalt lächelnd. „Aber das soll nicht unser Problem sein, nicht wahr, Jungs?“

Herb und Jared lachten rau und Jared warf die Marken achtlos zurück zu den Sachen. Bei Finn gesellte sich zu seiner übermächtig scheinenden Panik noch unbändige Wut. Wie konnten es diese Kerle nur wagen, Johns Marken, sein Andenken, so in den Dreck zu ziehen? Aber er war zu geschwächt und konnte sich nicht dagegen wehren.

Davenport kam langsamen Schrittes auf Finn zu und ließ ihn mit einem bedrohlichen Grinsen von der Kette. Immer noch von dem Stromschlag überwältigt und geschwächt, sackte Finn auf die Knie. Er versuchte zwar aufzustehen, aber einer seiner Entführer drückte ihn unsanft zurück auf den Boden. Sein Körper wollte gegen den anhaltenden Schmerz ankämpfen, doch gegen die Kraft, mit der er am Boden gehalten wurde, konnte er nichts ausrichten.

„Nana, wer wird hier denn fliehen wollen? Schauen wir lieber mal nach, was du alles zu bieten hast. Maul auf!“

„N-nein…bitte nicht…“, flehte Finn unter Tränen, die Schmerzen am ganzen Körper zu unterdrücken versuchend. Ungeachtet dessen öffnete Davenport kalt lächelnd seine Hose und präsentierte dem Jungen sein erigiertes Glied.

„Hör zu, du Wicht. Ich mache aus dir das beste Pferd in meinem Stall, einen Star. Du wirst mein Ticket nach ganz oben in dieser Branche, aber dafür, Kleiner“, er packte Finn am Kinn und drehte seinen Kopf zu sich: „dafür machst du jetzt hübsch brav deinen Mund auf oder ich bearbeite dich, bis du nicht mehr weißt, wo oben und unten ist. Kapiert?“

Finn ahnte, dass er keine Chance hatte, hier zu entkommen. Es war vielleicht doch das Beste, sich einfach zu fügen, um sich dem Leid wenigstens etwas zu entziehen. Er öffnete langsam den Mund, nicht sicher wissend, was ihm gleich passieren würde. Finn hatte auch nicht die geringste Chance auf Gegenwehr, denn in der schraubstockartigen Haltung, in der er sich befand, konnte er sich so gut wie überhaupt nicht bewegen. Diese Situation nutzte Davenport ohne Umschweife aus und stieß seinen Schwanz in Finns Mund. Dieser versuchte sich wie ein nasser Aal zu winden, doch er bewirkte damit nur, dass sich die Griffe um seine Schultern nur noch verfestigten. Also versuchte er dem Drang zu würgen zu widerstehen, schloss die Augen und konzentrierte sich aufs Atmen.

„Siehst du, so schlimm ist das doch gar nicht. Du bist sogar richtig gut, das muss man dir echt lassen“, stöhnte Davenport.

Er griff in Finns Haare und fixierte seinen Kopf, um ihn in den Mund zu ficken. Schon nach relativ kurzer Zeit und völlig ohne Vorwarnung entlud sich Davenport in Finns Mund. Der Junge wollte es ausspucken, doch Davenport zwang ihn, das Sperma zu schlucken. Erst dann zog Davenport langsam sein Glied wieder heraus und sah feixend zu, wie Finn sich übergab und zitternd vor seinen Füßen zusammenbrach.

Davenport beugte sich ganz nah an Finns Ohr herunter und wisperte: „Ja mein Junge, du wirst dich schnell daran gewöhnen. Das hier war schließlich erst der Anfang. Du wirst noch eine ganze Menge zu tun bekommen, das verspreche ich dir.“

Jared lachte und warf Finn eine löchrige alte Decke zu.

„Jaha, der Chef hat noch viel mit dir vor, Junge. Die Kunden wollen ihren Spaß. Immerhin zahlen sie gut für Frischfleisch.“

„Schluss jetzt, Jared! Bringt ihn in den Bunker und holt mir Sarah her, die kleine Schlampe. Und Herb, sorge dafür, dass er sich die Regeln gefälligst auch einprägt.“

„’Türlich, Chef…komm mit, Kleiner!“

Herb zerrte Finn am Ohr hoch, welcher panisch die Decke umklammerte und wenigstens halbwegs seine Scham zu bedecken versuchte. Er schubste den Jungen den Flur entlang, aus der Hütte hinaus in die klirrende Kälte eines Dezemberabends. Die Sonne war schon untergegangen, doch das Licht, das aus der Blockhütte in den Schnee drang, beleuchtete einige Trailer, die im Wald verteilt standen. Finn konnte sich keinen Reim darauf machen, doch er wusste, dass er die Bedeutung der Wohnwagen schon noch erfahren würde und zwar früher als ihm lieb war. Herb trieb ihn indes mit Schlägen und Beschimpfungen tiefer in die Dunkelheit des Waldes hinein. Der Junge stolperte und fiel vornüber. Doch schon war Herb da, traktierte ihn mit Tritten und riss ihn am Arm wieder hoch. Ihr Weg war nicht mehr lang und schon bald war das Ziel erreicht: ein kleiner Hügel mitten im Wald, in den eine unscheinbare Luke eingelassen war; der Bunker. Jared lachte erregt, er befand sich nur wenige Schritte hinter Finn und Herb folgte ihnen. Dieser Typ sollte eine gewisse Sarah für Davenport abholen. Bei diesem Gedanken drehte sich Finn der Magen um. Er meinte zu wissen, was dem Mädchen bevorstand. Schlotternd vor Kälte, Ekel, Hunger und Schmerzen wartete Finn darauf, dass Herb die Barrikaden vor der Luke löste. Als sich die Tür zum Bunker endlich öffnete, ging Finn vor und wurde unsanft von den beiden Männern heruntergestoßen. Jared drängte sich vorbei und rief in den stickigen Raum hinein:

„Sarah! Herkommen! Der Chef will dich!“

Finn bemerkte, wie sich ein Mädchen, das höchstens ein Jahr älter war als er selbst, aus einer Gruppe aus vier Kindern löste und langsam zu Jared ging. Im Vorbeigehen schenkte sie Finn einen Blick voller Mitleid und ihre Lippen formten still den Satz: „Halt durch.“ Finn nickte ihr zu und sah ihr nach, wie sie zögernd die Treppe hinauf stieg. Herb jedoch packte Finn im Genick und drückte ihn mit seinem gesamten Gewicht gegen eine Wand.

„So, hör mir jetzt gut zu, Kleiner. Hier gibt es Regeln, an die du dich zu halten hast. Beim geringsten Verstoß gibt’s einen Freiflug ins Nirwana. Capiche?“

Finn nickte als Zeichen, dass er verstanden hatte.

„Gut. Regel Nummer eins: Flucht ist zwecklos! Versuchst du es doch, hast du ein Problem. Regel Nummer zwei: Keiner verlässt diesen Raum! Ausnahmen: der Chef will dich vorbereiten oder du hast Besuch von einem Kunden. Regel Nummer drei: Der Chef ist dein Gebieter und so wird er auch behandelt! Regel Nummer vier: Du hast bereit zu sein! Wo immer, wann immer, wozu auch immer. Regel Nummer fünf: So lange du nicht zusammenklappst, bist du gesund! Hast du das verstanden?“

„Ja“, presste Finn hervor, immer noch schmerzhaft gegen die Wand gedrängt.

„Und wirst du diese Regeln auswendig lernen?“, schnarrte er an Finns Ohr.

„Ja, autsch.“

„Gut. Und wirst du dich daran halten?“

„Aua! Ja…“

„Fein, so ist’s brav. Noch Fragen?“

„V-vorbereiten…was soll d-das heißen, b-bitte?“

„Du dummer kleiner Junge“, lachte Herb rau. Er presste Finn noch fester gegen die Wand. „Die Kunden wollen ihren Spaß. Du bist zwar eng und das kommt tierisch gut an. Aber wenn dein kleiner Hintern deswegen Schaden nimmt, dann bleibt das Geld aus. Das verstehst du doch sicher.“

Und bevor Finn noch irgendwie weiter reagieren konnte, drang Herb schon mit einem Finger in ihn ein. Finn schrie vor Schmerzen auf und versuchte, sich irgendwie zurückzuziehen. Doch es ging nicht, Herb war einfach viel zu stark. Und anstatt ihn zu erlösen, drang er mit zwei weiteren Finger ein und bewegte sie vor und zurück. Finn keuchte vor Schmerzen und trommelte mit den Fäusten gegen die Wand. Er hoffte nur, dass das ganz schnell vorüber ging. Und genau so plötzlich wie Herb in ihn eingedrungen war, so plötzlich zog er sich auch wieder zurück. Finn rutschte langsam zitternd und weinend an der Wand herunter.

„Du wirst überrascht sein, was so alles in das Loch passt“, feixte Herb, warf ihm seine Sachen zu, die er mitgenommen hatte und verließ den Bunker. Sofort sammelten sich die anderen Kinder um ihn herum und betrachteten ihn neugierig. Nur einer hielt sich im Hintergrund. Ein etwa sechzehnjähriger Junge beobachtete kurz die Szene und unterbrach sie dann, indem er auf die Gruppe zuging.

„Hey, lasst ihn in Ruhe! Seht ihr denn nicht, dass er völlig fertig ist? Wartet lieber, bis Martha und Sarah wieder da sind.“

Er war ein ziemlich magerer, für sein Alter kleiner Junge und vertrieb sanft ein Mädchen und einen weiteren Jungen. Er kniete sich zu Finn herunter und legte eine Hand auf seine Schulter.

„Kannst du aufstehen, Kleiner?“

Schluchzend schlug Finn seine Hand wieder weg. Er konnte im Moment nicht denken. Es war, als hätte man ihm das Herz aus seiner Brust gerissen.

„Ist ja schon gut. Komm, dort hinten ist es wärmer. Hier vorn wirst du nur krank. Es zieht wie Hechtsuppe.“

Finn sah auf. Das erste Mal war jemand an diesem Tag freundlich zu ihm.

„Wieso…?“

„Was?“

„W-wieso bist du so nett?“

Der Teenager lächelte.

„Hier drinnen muss man stark sein, weißt du. Und das schafft man eben nur, wenn wir hier alle zusammenhalten. Ach ja, ich bin übrigens Cody und du?“

„Amm, Finn.“

„Okay, Finn, dann hopp.“

Er half Finn auf, hüllte ihn in die Decke und stützte ihn auf dem Weg in die gegenüberliegende Ecke des Bunkers. Dann brachte Cody Finn noch seine Sachen. Es stank erbärmlich in diesem Raum und als Finn sich umsah, bemerkte er eine Kochnische und mehrere Ölfunzeln, die den Bunker in schummriges Licht tauchten. Der Boden war mit Stroh und alten Decken ausgelegt. In diesem Raum gab es noch eine einzige Nische. In ihr befanden sich ein Abort und eine alte klapprige Dusche.

„Mach es dir hier so bequem wie möglich…hm…naja, soweit es eben geht. Amm, also, die beiden hier sind Céline und Jamey. Ich denke aber, dass es das Beste ist, du ruhst dich ein wenig aus. Wenn du willst, frag ich Martha dann, ob sie dir nicht eine Extra-Portion ihrer Suppe kocht. Du wirst es brauchen, glaub mir.“

Ein schwaches „Danke“ war alles, was Finn herausbrachte, bevor er sich zusammen rollte. Schlafen, etwas, das er unbedingt wollte, konnte er nicht. Die Gedanken, Angst und Ungewissheit schwirrten ihm durch den Kopf und ließen ihn innerlich nicht zur Ruhe kommen. Erst nach einer Weile besiegte sein total erschöpfter Körper die Psyche und erlaubte es Finn, in einen traumlosen Schlaf hinüberzugleiten. Cody seufzte. Er betrachtete Finn voller Sorge.

„Die Gang hat also schon wieder zugeschlagen. Und immer wieder trifft es die Unschuldigen.“

„Ja, so wie uns“, pflichtete Céline ihm bei. „Der arme Finn, er weiß gar nicht, was ihm hier noch alles bevorsteht. Hm…hoffentlich verprügelt Davenport Sarah nicht so arg.“

Es dauerte noch etwa eine Stunde, bis Martha Davenport, Max Davenports Ehefrau, die selber regelmäßig von ihrem Mann misshandelt und vergewaltigt wurde, mit Sarah in den Bunker zurückkehrte. Martha trug das völlig ausgelaugte Mädchen die Treppen hinunter und übergab sie in Codys Obhut. Sofort war Céline zur Stelle, um ihre Freundin zu trösten. Cody löste sich von der Gruppe und ging hinüber zu Martha, die sich auf halbem Weg zur Kochnische befand.

„He, Martha, wie geht es dir?“

„Ach, Cody…du weißt doch wie Max ist.“

Cody warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah, wie sich Sarah in Célines Armen ausweinte.

„Dieser elende Mistkerl…er hat es wieder getan.“

„Zigaretten“, stammelte Jamey. „I-ich h-h-hasse sie…“

„Wir alle, Jamey, glaub mir“, versicherte Céline und tätschelte den Arm des 14-Jährigen. Marthas Blick war Codys gefolgt und an der kleinen Gestalt eines schlafenden Kindes haften geblieben.

„Oh nein…Max hat es doch getan. Ich hab ihn gebeten, es endlich zu lassen.“

„Sein Name ist Finn. Martha, könntest du bitte –?“

„Natürlich, natürlich. Bin schon dabei. Weck ihn doch bitte, wenn ich hier fertig bin. Okay?“

„Klar. Danke.“

Doch das war gar nicht nötig. Der Geruch, den die vor sich hin köchelnde Suppe im Raum verströmte, weckte Finn. Erst jetzt bemerkte er, dass er an jenem schicksalhaften Tag noch gar nichts gegessen und fürchterlichen Hunger hatte. Dankbar nahm er seine Portion entgegen.

Später meinte Cody zu ihm: „Hey, ämm, die hier habe ich in deinen Sachen…naja, eher dem, was davon noch übrig ist, gefunden. Hast du da einen Freund beim Militär?“

Cody überreichte Finn die Erkennungsmarken. Er nickte.

„Ist aber geheim, weißt du“, antwortete Finn leise und hielt die Marken so fest er nur konnte. Er schmatzte ein paar Mal. Egal, was er probierte, den ekelerregenden Geschmack von Davenports Sperma bekam er nicht los. Cody lächelte.

„Okay, ich frag schon nicht weiter. Und daran musst du dich leider gewöhnen müssen.“

Von jenem Tag an war Finns ohnehin nie ganz einfach gewesene Kindheit vorbei. Jeden Tag holte ihn Davenport, der bei allen nur der Chef war, um ihn vorzubereiten und schon sehr bald musste er auch die ersten Freier befriedigen. Die konnten mit ihm anstellen, was sie auch immer sie wollten. Sie vergewaltigten ihn, schlugen ihn, demütigten ihn aus purem Spaß. Schon bald war Finns ganzer Körper mit Hämatomen, Prellungen und anderen Verletzungen übersät. Niemand, nicht einer, nahm Rücksicht darauf, dass er gerade einmal 12 Jahre alt war. Im Gegenteil, es schien die Freier nur noch weiter aufzugeilen.

Auch sein 13. Geburtstag Anfang des neuen Jahres bestand aus nichts anderem als Schmerzen, Demütigungen und Einsamkeit. Er hatte sich damit abgefunden, dass er so gut wie kein Tageslicht mehr sah und dass er als das „beste Pferd im Stall“, wie Davenport ihn immer nannte, mehr zu tun hatte als alle anderen dort. Anfangs hatte er oft geweint und Marthas Nähe gesucht, doch nun stumpfte er zunehmend ab und verschloss sich.

Erst dreieinhalb Monate nach seiner brutalen Entführung kam so etwas wie Leben in den tristen Alltag von Finn. Etwa Mitte März, ziemlich genau zwei Monate nach seinem Geburtstag, etwa eröffnete Cody ihm ein Geheimnis. Er bat Finn an jenem Abend zu einem Gespräch an die Kochnische.

„He, hör mal, Finn. Du dürftest inzwischen erfahren haben, was mit uns geschieht, wenn wir zu alt für den Job werden.“

Finn nickte.

„Okay. In einem Monat ist es soweit und dann ist Céline die Älteste hier. Du musst ihr dann so vertrauen wie mir.“

„I-ich…ja, tu ich doch. Aber warum sagst du mir das?“

„Naja, bevor es mit mir hier soweit ist, habe ich vor, abzuhauen und am besten den ganzen Scheißladen hier hochnehmen zu lassen.“

„Die werden dich umbringen!“

„Ja, das Risiko besteht. Aber wenn ich bleibe, bringen die mich auf jeden Fall um die Ecke. Und wenn ich schon sterben muss, dann will ich es wenigstens versucht haben. Irgendwo da draußen wartet meine Familie seit über vier Jahren. Du hast doch sicher auch eine Familie, oder?“

Finn umschloss unwillkürlich die Erkennungsmarken.

„Siehst du, das meine ich. Hör mal, wenn da draußen jemand ist, dem ich bescheid sagen soll, dass du noch am Leben bist, dann sag es mir bitte. Heute Abend will ich es noch packen.“

Finn zögerte erst. Da war sie, die vielleicht einzige Chance, die sich ihm bot, endlich von hier weg zu kommen und wenn er die jetzt verstreichen ließe, dann würde er es sich nie verzeihen. Schließlich zog er doch eine der beiden Marken von der Kette ab und gab sie Cody.

„W-wenn du es wirklich schaffen solltest, ruf in Washington im Ministerium für Heimatschutz an und verlange General Jack O’Neill. Ihm nennst du nur einen Namen: John Sheppard. Er weiß dann schon, was zu tun ist. Gib ihm die Marke und dann…“

„Verstehe. Ich versuch mein Bestes. Hör mal, gib Martha auch die Nummer. Falls ich es nicht schaffe, kann sie es bei einem ihrer Einkäufe probieren.“

Wieder nickte Finn.Doch er wusste, dass er Martha die Nummer nicht geben konnte. Nein, er musste es auf eine andere Art und Weise versuchen. Er konnte Martha einfach nicht in eine solche Gefahr bringen. Und doch fragte er sich, wann er zum letzten Mal so etwas wie Hoffnung gefühlt hatte. Dieses Gefühl in ihm war so präsent, so überwältigend, dass er sich dem einfach hingeben musste. Vor ihm stand die Chance, endlich frei zukommen, dieses Martyrium ein für alle Male hinter sich zu lassen. Aber diese Hoffnung wurde ihm am selben Abend noch zunichte gemacht. Auf dem Weg zu einem Freier hörte er in der Ferne einige Schüsse und er hatte sofort die schreckliche Gewissheit: Cody war nicht mehr, konnte ihm nicht mehr helfen, ihm beistehen. Unbarmherzig wurde Finn fortgerissen, wie die Hoffnung in ihm, die hell wie ein Silberstreif am Horizont aufgeleuchtet hatte.

Die Wut, die Davenport und seine Handlanger über Codys Flucht hatten, ließen sie an den Kindern und besonders an Finn aus. Die Misshandlungen gingen weit über das sonst übliche Maß hinaus. Die Männer schlugen den Jungen bis an den Rand der Bewusstlosigkeit. Finn spürte, wie seine Rippen brachen und die Wunden wieder aufplatzten, die schon so lange nicht richtig heilen wollten. Die drei Kerle waren so rasend vor Zorn, dass Finn befürchtete, sie würden ihn zu Tode prügeln. Jedoch nach der zweiten Vergewaltigung fasste er einen letzten Gedanken, bevor er sich in seine Lethargie floh: Flucht oder Tod. Irgendwie musste er Davenport entrinnen.

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Zur selben Zeit in Colorado Springs

„Ah, willkommen auf der Erde, die Herrschaften“, begrüßte General Hank Landry die Gäste aus Atlantis. „Ich hoffe, Ihre Reise war angenehm.“

„So angenehm wie es auf der Daedalus eben sein kann“, erwiderte Elizabeth Weir und sah nervös zu John herüber, dessen Geduld bis auf das Äußerste gespannt war. „Aber wir freuen uns natürlich, mal wieder auf der Erde zu sein, Sir.“

„Ja, verstehe. Dann begleiten Sie mich bitte in den Besprechungsraum. Ich versuche natürlich, das alles hier so kurz wie möglich zu halten. Sie haben sicher viel zu tun.“

John Sheppard wollte irgendetwas Bissiges erwidern, doch er wusste genau, dass es besser war, nichts zu sagen. Und so beließ es John dabei, Landry misstrauisch zu beäugen. Sein Gesichtsausdruck war sehr ernst und das bereitete John großes Unbehagen. Zumal Colonel Samantha Carter, der er Finn im August anvertraut hatte, nicht nur ernst drein blickte, sondern so, als würde sie etwas bedrücken. Irgendetwas lag dort im Argen und Johns Sorgen wuchsen Sekunde um Sekunde. Wenigstens behielt Landry damit recht, dass die Besprechung, gemessen an den Standards derartiger Prozeduren, wirklich recht kurz war; nur etwas über zwei Stunden, die trotz allem an Johns Nerven zehrten. Die Nervosität wandelte sich langsam in Angst, als er Finn nirgendwo erspähen konnte.

„General Landry, Sir“, begann John nach Ende der Sitzung. Es war das erste Mal, das John seit seiner Ankunft auf der Erde etwas sagte.

„Bitte, Colonel, was gibt es?“

„Dürfte ich fragen, wo…Finn ist?“

Anders als erwartet schnürte ihm die Reaktion auf seine eigentlich simple Frage regelrecht die Eingeweide ab. Landrys Gesichtsausdruck wurde augenblicklich todernst und Sams Miene auf einmal wie versteinert. Sie schluckte hart und überließ es dem General zu antworten. Dieser räusperte sich, als müsste er einen dicken Kloß im Hals herunter schlucken.

„Also…ich würde sagen, es wäre das Beste, wenn wir einen Ausflug machen“, sagte er und bedachte auch die Doktoren Beckett, McKay und Weir mit einem Blick. „Sie sind natürlich eingeladen, uns zu begleiten, wenn Sie wollen.“

Diese Worte trugen nicht gerade zu Johns Beruhigung bei. Im Gegenteil. Seine innere Unruhe wich aufkeimender Panik. Ihm war richtig gehend übel. Was für ein Ausflug? Warum sagt ihm denn keiner etwas?

Die Fahrt, deren Ziel John völlig im Dunkeln lag, schien viele Stunden in Anspruch zu nehmen. John hielt es kaum aus, er wollte Finn um alles in Welt sehen und zwar sofort. Er sah zu Sam herüber und wunderte sich. Die Frau sah so verändert aus seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Das war kein gutes Zeichen. Genauso wenig wie die drückende Stille, die während der Fahrt herrschte.

Dann, nach einer Ewigkeit, wie es John schien, hielt der Wagen endlich an. Sie stiegen aus und John rutschte sprichwörtlich das Herz in die Hose, als er den saftig grünen, akkurat geschnittenen, säuberlich von Schnee befreiten Rasen erblickte, der sich vor ihm ausbreitete. Ein Militärfriedhof? Das konnte jetzt nicht wahr sein. Schwachen Schrittes folgte er Sam, die die Gruppe durch die Reihen flacher weißer Grabsteine führte. Dann blieb sie vor einem besonders neuen Exemplar stehen. Dessen Inschrift:

Finn Hayes
01-17-1994 – 2006


Das war definitiv zu viel für John. Es war, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggerissen und er fiel auf die Knie.

„Finn…“, war das einzige, das er herausbrachte. John spürte, wie sich jede einzelne Faser seines Körpers gegen die Endgültigkeit dessen, was er vor sich hatte, auflehnte und wie gleichzeitig sein Herz brach. Die Tränen, die sich ihren Weg ans Licht bahnten, vermochte er nicht mehr aufzuhalten. Er verlor die Fassung und niemand konnte es ihm verübeln. Er fuhr mit den Fingern über die Inschrift auf dem Grabstein. Sie war so schlicht, genauso schlicht wie der Stein. So etwas hatte Finn nicht verdient.

„Oh mein Gott, nein“, sagte Elizabeth mit zitternder Stimme.

Sanft legte Sam ihre Hand auf Johns Schulter.

„Es tut mir so unendlich Leid, Sir. Ich hätte besser aufpassen müssen“, sagte Sam mit tränenerstickter Stimme. Sie hatte sich die Schuld an Finns Tod gegeben. Seit Tammy, das Nachbarmädchen mit seiner Schultasche gekommen war, hatte sie nicht eine ruhige Nacht mehr gehabt.

„Wie?“

Wieder ergriff Landry das Wort, nachdem er sich zum wiederholten Male geräuspert hatte.

„Man hat ihn verschleppt…bereits im Dezember. Das FBI vermutet dahinter eine Gang, die sich jedes Jahr kurz vor Weihnachten ein Kind von zwölf Jahren holt. Ein Kinderhänder-Ring, schreckliche Sache. Man fand seine –“

„Das reicht! Seit Dezember sagen Sie? Und warum erfahre ich das erst jetzt?!“

„John! Bitte, das genügt“, mischte sich Elizabeth ein. John war aufgesprungen und starrte Landry fassungslos an. Auch die anderen Umstehenden waren überaus entsetzt, als sie erfuhren, was dem einst so lebensfrohen Jungen zugestoßen sein sollte. Elizabeth legte ihre Hand auf seinen rechten Unterarm, sie spürte, wie John tief durchatmete und sich straffte. Er setzte seine ganze Kraft daran, nicht die Beherrschung zu verlieren. Doch Rodney McKay, kam seiner Frage zuvor.

„W-was ist dann passiert?“

„Spaziergänger fanden seine verbrannte Leiche außerhalb von Stratton. E-er trug das hier bei sich“, antwortete Sam und ließ etwas in Johns Hand gleiten. Sie verschwieg, dass sie und Tammy jene Spaziergänger gewesen waren. „Das war alles, was wir bei ihm fanden“, sagte Sam leise.

John sah sie an. Hatte sie gerade „wir“ gesagt? Doch John verwarf diesen Gedanken schnell wieder und öffnete seine Hand. Sam hatte ihm eine Erkennungsmarke gegeben, seine Erkennungsmarke. Sie war vom Feuer etwas verbogen und geschwärzt.

„Wissen Sie…wissen Sie, ob Finn leiden musste?“, fragte er.

„Er war schon tot, wissen Sie. Man hat…hat ihn erschossen.“

„Aber wieso?“

Sam schüttelte den Kopf. Sie konnte ihm keine Antwort darauf geben; niemand konnte das.

„Ich weiß nur, dass…dass General O’Neill sich mit dem FBI in Verbindung gesetzt hat und sie verstärkt nach den Verantwortlichen suchen. Finns…Fall hat oberste Priorität und, Sir, ich verspreche Ihnen, ich werde Sie persönlich über Fortschritte informieren…Entschuldigen Sie mich bitte…“

Sam entfernte sich etwas von der Gruppe.

„Es hat sie sehr mitgenommen“, erklärte Landry. John empfand jähes Mitgefühl für Sam. Immerhin hatte sie sich bis zu seinem Verschwinden um Finn gekümmert.

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Sie haben ihn gebrochen. Er funktionierte nur noch, wie eine Maschine tat er, was man ihm auftrug und er hielt die Schmerzen aus, die man ihm zufügte. Jeden Peitschenschlag, jeden Fick, jede einzelne Beleidigung ertrug er stoisch ohne ein Wort der Klage. Seit Davenport Cody umgebracht hatte, bestand seine kleine Welt aus schmerzhaftem Schweigen…und einem allerletzten Traum. Dem Traum zu fliehen. Ja, vielleicht würde er dabei denselben Tod finden wie Cody es tat, aber er würde endlich nicht mehr leiden müssen. Der Eindruck, den Codys Heldenmut bei ihm hinterlassen hatte, möglicherweise auch seine eigene Verzweiflung, hat diesen einen Wunsch in ihm aufkeimen lassen und nichts in der Welt würde ihn daran hindern, es wenigstens zu probieren. Nicht einmal die erhöhte Bewachung des Bunkers. Finn hatte in seiner kurzen Zeit in Atlantis gelernt, dass selbst das beste Sicherheitssystem seine Schwächen hatte und diese würde er nutzen, wenn sich ein günstiger Moment ergab. Und doch hatte der Verlust von Cody ein Loch in seiner so schon verwundeten Seele hinterlassen.

„Es tut mir leid, so leid“, wisperte er immer wieder. Finn wiederholte diesen einen Satz immer wieder wie eine Melodie, die einem nicht mehr aus dem Kopf ging.

Noch einige Tage vergingen, bevor Finn die Zeit gekommen sah, sich seinen letzten Traum zu erfüllen. Es war ein kalter Märzmorgen mit viel Schnee und einem eisigen Nordwind, an dem Davenport den Jungen aus dem Bunker holte. Er wurde zu einem Freier gebracht, der Clark Osbourne hieß. Clark war anders als die anderen Freier, die Finn in den letzten Monaten kennen gelernt hatte, ein recht harmloser Kerl. Er begnügte sich damit, mit Finn zu reden, ihn zu betrachten oder Fotos zu machen. Sex war für ihn eher eine Nebensache und wenn, versuchte er es dem Jungen so angenehm wie möglich zu machen. Aber Clark war auch ziemlich ungeschickt. Der typische Außenseitertyp, der nur wenig Erfolg hatte im Leben und jemanden brauchte, dem er sein Leid klagen konnte und der am besten noch schlechter dran war, als er selber.

„Viel Spaß, Osbourne, mach mit ihm, was du willst“, sagte Davenport grinsend, stieß Finn in den muffigen Wohnwagen und ging gemächlich zurück zur Blockhütte.

Osbourne schloss leise die Tür des Wohnwagens.

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„Doc?“

„Ja, Colonel, was kann ich für Sie tun?“, fragte Carson und drehte sich zu John Sheppard um. „Oh, Sie sehen gar nicht gut aus.“

„Ich weiß. Also, eine Kopfschmerztablette, etwas zum Einschlafen und sämtliche Akten zu Finns Fall“, antwortete dieser.

„Die ersten beiden Dinge gebe ich Ihnen gerne. Nur die Akten…Ehrlich, ich weiß nicht…“

„Doch, Dr. Beckett, ich will sie sehen, bitte.“

John senkte den Blick. Er wollte nicht, dass Carson irgendeine Spur des Schmerzes darin sah.

„Warum fragen Sie nicht Colonel Carter? Soweit ich weiß, ist sie momentan in Besitz der Akten.“

„Was denken Sie, weshalb ich Kopfschmerzen habe? Ich habe Colonel Carter bekniet, dass sie mir die Akten wenigstens kurz ausleiht, aber sie wollte sie nicht rausgeben. Ich meine, Sie könnten ja irgendeinen medizinischen Vorwand nennen. Bitte, Doc.“

„Also ehrlich, ich…“, zögerte Carson, doch dann sah er Johns bittenden Blick. „Na gut. Ich werde sehen, was sich tun lässt.“

„Danke, Doc.“

Carson lächelte, gab John die erbetenen Medikamente und verließ die Krankenstation des SGC. John nahm sein Kopfschmerzmittel ein und ging auf sein Quartier, welches makaberer weise dasselbe war, welches er sich damals mit Finn geteilt hatte. Er hatte aber weder Lust noch die Kraft dazu, sich um ein anderes Quartier zu kümmern. John wollte unbedingt allein sein und vielleicht ertrug er auch deswegen den Hohn, der wie eine klebrige Masse in dem Raum hing. Und so hing er den Erinnerungen an seinen Schützling, dem er Gefühle entgegengebracht hatte wie sie ein Vater für seinen Sohn hätte, nach. Wenigstens hatte Carson Erfolg gehabt und die Akten bei John abgeliefert. Er zögerte lange, sie zu lesen. Etwas, eine warnende Stimme tief in ihm drin hielt ihn davon ab, mahnte vor dem Schmerz, der in den Akten verborgen lag. Doch John überwand dieses erdrückende Gefühl und begann irgendwann doch zu lesen. Die Stimme in ihm behielt Recht. Diese Akten zu lesen war wirklich verdammt schmerzhaft.

May. 22nd, 2007

count, too, can

und zum zweiten...

II. A NEW BEGINNING


„Finn, bist du soweit? Der Bus kommt gleich.“

Er nickte nur. Finn hatte Sam Carters Stimme kaum wahrgenommen, denn wieder einmal hing er seinen Erinnerungen an Atlantis nach. Schnell schüttelte er diese ab. Sein erster Schultag stand immerhin ins Haus. Er hatte John in einem Brief davon berichtet und natürlich darüber, wie er hier lebte. Finn war bei Sam eingezogen und er mochte sie auch. Sie kümmerte sich liebevoll um ihn, hatte ein offenes Ohr für seine Sorgen und versuchte, ihm den Aufenthalt auf der Erde so angenehm wie möglich zu machen. Manchmal kam sich Finn richtig undankbar vor, dass er trotz ihrer Bemühungen keinen Gefallen an diesem Planeten fand.

Der Schulalltag brach für Finn schneller an, als ihm lieb war. Man hatte es für gut befunden, ihn auf eine Schule zu schicken, damit er mit Gleichaltrigen in Kontakt käme und sich sozialisieren konnte. Alles Wehren und Zetern von Finns Seite her war umsonst, Anfang September würde er seinen ersten Schultag auf der Erde haben.

John hatte auf Finns Brief geantwortet, dass auch Atlantis sich verändert hatte, seit der Junge fort war. Sie hatten nun viel mit den Wraith zu tun bekommen, nachdem jene einen Zugang zur Erde gefunden hatten. Keiner in der Stadt war die vergangenen Tage zur Ruhe gekommen. Alle waren vollauf damit beschäftigt, die Feinde in Schach zu halten. John hatte auch geschrieben, dass Finn sich keine Sorgen wegen der Schule machen brauchte. Von Dr. Elizabeth Weir wisse er, dass die Merrywether Junior High-Privatschule eine wirklich gute Einrichtung sei. Alle hier, inklusive Dr. Rodney McKay und Ronon Dex, würden ihn vermissen und hofften, dass es ihm gut ging.
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Als Finn die Tür zu seinem zukünftigen Klassenraum öffnete, wurde es schlagartig still. 29 Augenpaare waren neugierig auf seine schmale Erscheinung gerichtet und musterten ihn mit unverhohlenem Interesse. Finn senkte seinen Blick. Die ganze Prozedur war ihm äußerst unangenehm, er kam sich vor wie auf einer Fleischbeschau.

Der Junge wurde der Klasse als neuer Mitschüler namens Finn Hayes vorgestellt, ein Name, der ihn an die irdische Zivilisation anpassen sollte und der ihm ganz und gar missfiel.

„Finn, hast du deiner Klasse noch etwas zu sagen?“, fragte Sherry Montgomery, Mathematiklehrerin der Merrywether Junior High, mit freundlicher Stimme.

„Ämm…naja…hi“, murmelte Finn mit einem unsicheren Lächeln.

„Sehr schön, sehr schön. Such dir einen freien Platz und dann beginnen wir mit dem Unterricht.“

Finn nickte und quetschte sich durch die Reihen der ihn anstarrenden Schüler zu einem freien Platz am Fenster in der hintersten Reihe. Links neben ihm saß ein rotblond gelocktes Mädchen mit frechen Sommersprossen im Gesicht, das ihn freundlich anlächelte.

„Hi, ich bin Tammy Matherson. Willkommen an der Merrywether.“

„Oh…ja, äh hi.“

Die erste Schulstunde auf der Erde ging für Finn schnell vorüber. Es war Mathematik, etwas, wovon Finn eine ganze Menge Ahnung hatte. Dank Rodney McKay war er sehr geübt in allen Formen der Naturwissenschaften außer Biologie. Da war Dr. Carson Beckett der bessere Lehrer.

In der Pause wurde Finn mit Fragen seiner neuen Mitschüler bestürmt. Das ging solange, bis sich ein großer, stämmiger Junge vor die anderen schob und sich vor Finn aufstellte.

„Na, du Würstchen, wer hat dir denn dein hübsches Gesicht zerfetzt?“, griente er und deutete auf die Narbe in Finns Gesicht, worauf dieser ihn angriffslustig anfunkelte.

„Du würdest es nicht glauben, würde ich es dir sagen.“

„Aha, ein ganz Schlauer also. Hör’ zu, Kleiner, wenn du hier – “

„Lass Finn gefälligst in Ruhe, Rory!“

Ohne sich nach der Stimme umzudrehen, sagte Rory gehässig: „Tammy, Tammy, Tammy. Kann dein kleiner Freund hier nicht für sich alleine sprechen?“

Rory wollte gerade Finns Arm packen, um ihn von dessen Pult wegzuzerren, doch Finn war schneller, sprang auf und ergriff Rorys Handgelenke. Er beugte sich vor an sein Ohr und sagte leise in einem bedrohlichen Ton: „Du kannst gerne versuchen, mich genauso zu unterdrücken wie die anderen hier. Aber ich verspreche dir eines: Bei mir wird dein Spielchen nicht funktionieren.“
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Der Schultag ging so langsam vorbei. Auf dem Heimweg – Finn hatte herausgefunden, dass dieser eigentlich recht kurz war – fand er Zeit, sich genauer mit seiner Umgebung zu befassen. Er wollte es sich anfangs nicht so recht eingestehen, aber die sehr waldige Gegend rund um die Kleinstadt, in der er nun lebte, gefiel ihm sogar ganz gut. Vielleicht lag es daran, dass er hier die Ruhe hatte, die er benötigte, um über sein Leben nachzudenken. Bisher hatte er die meisten Wochenenden im SGC verbracht, wo er Antikergeräte testen sollte. Er konnte sie zwar aktivieren und bei manchen war es offensichtlich, zu welchem Zwecke sie konstruiert worden waren, doch meistens war Finn genauso ahnungslos wie die Wissenschaftler, die diese Gerätschaften erforschen sollten. Sie hatten schon einiges mit dem Jungen angestellt, um ihm etwas von seinem wertvollen Wissen zu entlocken: von verhörähnlichen Gesprächen über Simulationen bis hin zu Hypnose. Doch bislang waren die Ergebnisse alles andere als zufrieden stellend gewesen. Finn war es leid, ständig irgendwelchen Tests unterzogen zu werden.

„Finn! He, dich hätte ich ja nicht hier erwartet.“

Tammy stand plötzlich grinsend vor ihm und kämpfte mit ihren beiden Hunden, die gleichzeitig versuchten, an Finn hochzuspringen.

„Äh, naja…ihhh!“

Einer der beiden Hunde hatte es geschafft, sich aufzurichten, seine Pfoten auf Finns Schultern zu legen und sein Gesicht abzuschlabbern.

„Oh, entschuldige. Sadie, aus! Lass ihn in Frieden! Sherlock, du auch! Weg da! Tut mir echt Leid, Finn. Die zwei sind so stürmisch.“

„Macht nichts…was sind das für Hunde?“

„Oh, du interessierst dich für Hunde?“

„Überhaupt für Tiere.“

„Nun, Sadie und Sherlock sind Australian Shepherds.“

„Sh-Sheppard…“

Finn senkte den Blick. Er vermisste John schrecklich.

„Alles in Ordnung mit dir?“

„Ja…Es ist nur…ein Freund von mir heißt Sheppard. Er fehlt mir, weißt du?“

„Ach so…das tut mir leid für dich. Ämm, soll ich dich ein wenig begleiten? Wo wohnst du überhaupt, wenn ich fragen darf?“

„Oh, ämm…Elwood Terrace, Ecke Chicago Avenue.”

“Wirklich? Dann sind wir ja Nachbarn! Wie cool.“

„Ja, ziemlich cool. Also gut…dann sollten wir gehen, oder nicht?“

„Ja, gehen wir.“

Auf dem Weg nach Hause unterhielt sich Finn immer angeregter mit Tammy. Das Mädchen war ihm vom ersten Moment an sehr sympathisch gewesen. Sie hatten zwar nicht viel gemeinsam, wurden aber dennoch schnell dicke Freunde. Dennoch hielt sich Finn zurück. Er gab nur das Nötigste über sich preis und musste auch einiges erfinden, um keinen Verdacht zu erregen. Schließlich war das Stargate-Programm ein streng gehütetes Geheimnis der US-Regierung und Finn würde sich enorme Probleme einhandeln, wenn er etwas – und sei es nur aus Versehen – ausplauderte.

Es kam ihm vor, als wäre nur ein kurzer Augenblick vergangen, als die beiden schon vor seiner Wohnung standen und sich bis zum nächsten Morgen verabschiedeten. Dies wurde zu einem schönen Ritual, so wie der Briefwechsel mit John, und zu einer willkommenen Abwechslung zu den Tests und Forschungen und der bittersüßen Erinnerung an Atlantis.

„Hallo Finn, schön, dass du kommst. General O’Neill will dich sprechen“, begrüßte Sam den 12-Jährigen eines Abends wenige Wochen vor Weihnachten. Sie war an seine ausgedehnten Spaziergänge gewöhnt, die er tagtäglich allein oder mit Tammy und ihren beiden Australian Shepherds, Sherlock und Sadie, unternahm. Oft kam er erst spät am Abend wieder. Finn war noch immer sehr verschlossen und Sam akzeptierte, dass er lieber John erzählte, was er auf dem Herzen hatte.

„Worum geht es denn?“

„Ich weiß es nicht. Er hat’s mir nicht verraten.“

Als sie seinen unverwandten Blick bemerkte, fügte Sam schnell hinzu: „Es geht bestimmt nur ums Angeln. Du musst wissen, dass er mit Teal’c zwischen Weihnachten und Neujahr immer an einen See bei Colorado Springs zum Eisfischen fährt.“

„Oh…okay…Habe ich Post?“

„Ja, hier, von John.“

„Ah, danke, Sam“, sagte Finn. Ein Lächeln huschte über sein sonst immer so ernstes Gesicht, als er hastig den Brief entgegen nahm und ins Wohnzimmer ging.

„Guten Abend, Sir“, begrüßte der Junge Jack und setzte sich nervös an seinem Brief nestelnd auf den äußersten Rand der Couch. Er schaffte es nie wirklich einschätzen, was der General von ihm wollte.

„Ach, nicht so förmlich, ich bin schließlich nicht im Dienst. Nenn’ mich Jack“, entgegnete dieser grinsend.

„Okay, äh, Jack…was gibt es denn? Sam meinte, Sie wollten etwas mit mir besprechen.“

„Ja. Ich wollte dich fragen, ob du nicht Lust hättest, mit mir und Teal’c zum Eisfischen zu fahren. So als Männerrunde.“

„Hmmm…ja, warum eigentlich nicht. Wann soll es denn losgehen?“

„In zwei Wochen, wenn du willst.“

„Okay.“

„Gut.“

„Ja…ämm…würden Sie mich bitte entschuldigen? Ich will noch einen Brief lesen und die Hausaufgaben…Sie wissen schon.“

„Klar.“

Finn nickte Jack kurz zu und ging nach oben auf sein Zimmer. Kurz darauf drang laute Musik aus dem Raum. Sam vermutete schon seit Anfang an, dass der Kleine das tat, um sein Weinen zu übertönen. Und sie wusste dann auch, dass sie ihn dann keinesfalls ansprechen durfte. Ihr tat es weh, ihr Pflegekind so am Boden zerstört zu sehen. Sam wusste, dass das einzige, was ihm Erleichterung brächte, wäre seine dauerhafte Rückkehr nach Atlantis. Doch im Moment war dies unmöglich da Finn noch auf der Erde gebraucht wird.

Manchmal hasste sie den Präsidenten dafür, dass er befohlen hatte, ein traumatisiertes Kind aus seiner gewohnten Umgebung zu reißen, in der er sich einigermaßen gefangen hatte und langsam wieder aufblühte. Und sie hasste General Landry, dass er jenen Befehl ausgeführt hatte. Sie versuchte alles, um das Leben des Jungen hier so angenehm wie möglich zu machen und ihm wenigstens etwas von seinem Schmerz abzunehmen. Doch sie wusste, dass ihre Bemühungen nur spärlich Erfolg hatten, denn Finn hatte sich vom ersten Tag an zurückgezogen.
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„Oje, nicht mal deine Einladung scheint ihn fröhlich zu machen, Jack“, seufzte Sam und gesellte sich zu ihrem ehemaligen Vorgesetzten.

„Für ihn scheint das wohl eine Art Pflichtveranstaltung zu sein.“

„Ja. Er wirkt so traurig…vielleicht sollten wir ihn nicht zwingen, da mitzumachen.“

„Zwingen? Ich zwing ihn zu gar nichts. Nein, er soll ruhig mal mitkommen. Dann weht ihm mal ein frischer Wind um die Nase. Außerdem hat er die Einladung von sich aus angenommen. Mit gehangen, mit gefangen würde ich sagen.“

„Mmh…du hast ja recht. Vielleicht bringt es ja was.“

„Genau. Ich mach mich dann mal auf die Socken. Der Job im Ministerium frisst mich noch auf. Da freu ich mich doch schon richtig aufs Eisfischen. Apropos, komm doch einfach mit, Sam.“

„Oh Jack, du weißt genau, wie ich zum Fischen stehe. Nein, fahrt ihr drei Männer ruhig mal alleine.“

„Schade. Und ich dachte, ich könnte dich endlich mal überreden“, sagte Jack verschmitzt grinsend.

„Naja, vielleicht schaffst du es ja irgendwann einmal.“

„Bestimmt. Du weißt ja, ich krieg immer, was ich will und aufgeben ist bei mir nicht drin.“

„Ja, weiß ich. Aber wie lange ist es jetzt her, seit du mich das erste Mal danach gefragt hast? Zehn Jahre?“

Jack lachte.

„Und wenn es nochmal zehn Jahre dauern sollte, irgendwann wirst du mit mir und Teal’c in Colorado Springs an einem Eisloch sitzen und Fische aus dem Wasser ziehen. Das verspreche ich dir jetzt hoch und heilig, mit…ähm…dieser Zimmerpflanze hier als Zeugin“, sagte Jack und deutete auf einen Gummibaum, der kümmerlich neben dem Kamin stand.

„Na schön, wir werden es ja sehen.“

„Werden wir. Ahh…Mist, jetzt muss ich echt los.“

„Ja, okay. Man sieht sich ja.“

Die beiden umarmten sich zum Abschied und als Jack zur Tür hinaus trat, sagte er: „Grüß Teal’c und Daniel von mir, okay?“

„Klar, komm gut nach Hause, Jack.“

Sam schloss die Tür und ging bald darauf zu Bett. An diesem Abend ahnte noch keiner, dass der Ausflug zum Eisfischen nie stattfinden würde.

May. 4th, 2007

count, too, can

Das erste Kapi *muhahaha*

Also, ich spring dann mal frisch frech und fröhlich hinein und poste das erste Kapitel meiner SGA-FF...

Once my Heart Was Shattered…

 

Charaktere:                    SGA/SG-1

Rating:                            NC-17, Darstellung von Gewalt

Story:                             Wie bekommt man ein zerbrochenes Herz wieder zusammen?

Widmung:                       Allen, die sich trauen, das zu lesen^^

Disclaimer:                     Die meisten Figuren hier gehören MGM. Diese Story wurde just for fun geschrieben und nicht zur Gewinnerzielung.

Anmerkung:                   Kinderschänder gehören erschossen und vorher gequält und zwar richtig!

 

I. The Letting Go

 

Was?! Ich soll hier bleiben?! Auf der Erde, diesem Planeten? Das ist doch jetzt nicht dein Ernst, John!“

 

Ein kleiner, schmalschultriger 12-Jähriger hatte sich wutschnaubend vor Lieutenant Colonel John Sheppard aufgebaut und funkelte ihn wütend aus seinen dunkelblauen Augen an; das linke unter einer Haarsträhne versteckt. Es war vier Jahre zuvor durch einen einzeln jagenden Wraith verletzt worden und seitdem „zierte“ eine große Narbe das Gesicht des Jungen. Er  trug diese Narbe zwar mit einem gewissen Stolz, aber er musste es ja nicht jedem auf die Nase binden.

 

John seufzte, kniete sich vor seinen Schützling  hin, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein und nahm dessen Hände. Finn versteifte sich. Was dachte er, wen er vor sich hatte, ein Kleinkind?

 

„Tut mir leid, Finn, aber es muss sein.“

 

„Und weshalb?! Willst du mich etwa loswerden?!“

 

Finns Augen füllten sich mit Tränen, er schüttelte den Kopf. Er wollte nicht heulen wie ein Baby, das machte ihn nur noch wütender. Es tat John leid, den Kleinen so zu sehen.

 

„Oh bitte, ich will dich doch nicht loswerden! Bestimmt nicht. Es ist nur so…es ist ein Befehl von General Landry. Die brauchen dich hier.“

 

Der Junge ruckte hoch und zog seine Hände weg und fauchte mit einem zynischen Unterton: „Du machst dir doch sonst nichts aus Befehlen! Warum dann ausgerechnet jetzt, hä?!“

 

„Finn, du weißt doch selbst gut genug, dass die Wraith vor der Türe stehen. Die brauchen hier dein Wissen und deinen Zugriff zur Antikertechnologie.“

 

„Die Wraith! Das ist doch deine Ausrede für alles, oder?! Die Antikertechnologie begreift Dr. McKay doch tausendmal besser als ich! Warum bleibt der nicht hier?“

 

„Weil…weil wir ihn in Atlantis brauchen.“

Finn wich abrupt einen Schritt zurück und starrte John fassungslos an. Einige Male klappte sein Mund auf und zu, unfähig etwas zu sagen, als er schließlich die Fassung wiedergewann. Mit einer zu einem sarkastischen Lächeln verzogener Grimasse sagte er: „Ach, so sieht das also aus. Ich werde also in Atlantis nicht gebraucht. Das erklärt natürlich alles…hoffe nur, ich war euch nicht zu lange ein Klotz am Bein.“

 

Dann senkte er tief einatmend den Blick, drehte sich auf dem Absatz um und lief in Richtung der Gästequartiere des Stargate-Centers (SGC) davon. John, der alleine zurück geblieben war, stand langsam auf und sah Finn kopfschüttelnd hinterher. Wie sollte er das nur je wieder kitten?

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„Alles in Ordnung, John? Sie sehen bedrückt aus“, Dr. Elizabeth Weir setzte sich zu John an den Tisch, wo dieser lustlos in seinem inzwischen kalt gewordenen Abendessen herum stocherte.

„Wegen Finn. Mir gefällt es ganz einfach nicht, dass er hier bleiben soll. Der Junge gehört nach Atlantis, das ist sein Zuhause.“

 

„Ja, John, ich weiß. Ich bin auch nicht damit einverstanden. Aber General Landry sagte, er braucht ihn unbedingt hier. Sehen Sie, es ist ja nicht für immer. Überhaupt…wo steckt Finn eigentlich?“

 

„Er ist sauer und geht mir aus dem Weg. Und ich kann es verstehen.“

 

„Geben Sie ihm etwas Zeit. Er fängt sich schon wieder.“

 

Daraufhin gab John nur einen Seufzer als Antwort. Finn war ihm unweigerlich ans Herz gewachsen, obwohl er ihn kaum ein Jahr kannte. Damals war der Junge sprichwörtlich vom Himmel „gefallen“. Keiner wusste genau wie – nicht einmal Finn selbst – aber in einem kleinen Transportschiff hatte er es geschafft die feindlichen Linien der Wraith zu durchbrechen und noch dazu in einer halsbrecherischen Aktion Dutzende Darts1 abzuschießen, bevor sich deren Insassen in die Stadt beamen konnten. Trotz seiner hervorragenden Flugkünste wurde das kleine Schiff von einem Querschläger getroffen und stürzte ins Meer. Wie durch ein Wunder konnte Finn gerettet werden und lebte seitdem in Atlantis, wo sich John Sheppard seiner angenommen hatte. Nach und nach entdeckte man, welches Erbe der Knabe in sich trug: Er hatte des Antiker-Gen, die Voraussetzung dafür, eine Vielzahl der Geräte in Atlantis bedienen zu können. Und mehr noch: unterbewusst trug er das komplette Wissen der Antiker in sich. Doch es war tief in ihm verborgen und trat nur in bestimmten Situationen zu Tage, in denen es ohne seine Hilfe schlecht um John und sein Team gestanden hätte.

 

Und jetzt sollte er genau diesen wundersamen wie wunderbaren Jungen hier auf der Erde zurücklassen? Auf dem Planeten, dem er selbst überdrüssig geworden und nur zu gern entflohen war. Ein Ort, den Finn nur aus Johns Erzählungen kannte und die alles andere als positiv ausgefallen waren – abgesehen von Bier, Football, Riesenrädern und Johnny Cash. Dadurch wurde die Erde für den sensiblen Jungen zu einem Platz, den er unter Garantie nicht mögen würde. Zumal Atlantis während des vergangenen Jahres zu seinem Zuhause geworden war. Sein neues Zuhause, nachdem er durch einen Wraith-Angriff alles verloren hatte: seine Familie, seine Heimat, seine Freunde. Nur langsam hatte Finn sich geöffnet. Er war so ein sensibles Kerlchen, fraß viel in sich hinein. Er wollte andere nicht mit seinen Problemen belasten.

 

„John? John! Hey, ich rede mit Ihnen!“

 

„Bitte?“, jäh wurde er aus seinen Gedanken gerissen.

 

„Ich sehe schon, heute ist nicht mehr viel mit Ihnen anzufangen. Nun, ich würde sagen, Sie klären das mit Finn. Es ist nicht gut, im Streit auseinander zu gehen. Wenn einem von Ihnen etwas zustößt, würden Sie sich das niemals verzeihen.“

 

„Er ist so stur. Ich wette, er redet nie wieder ein Wort mit mir.“

 

„Ach kommen Sie, geben Sie ihm eine Chance.“

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Doch die letzten Tage bis zur Rückkehr der Daedalus nach Atlantis vergingen in einer Eiseskälte, die jeden Schneemann neidisch gemacht hätte. Sie schlug John jedes Mal dann entgegen, wenn er Finn begegnete. Jenen Abend kam es zu keinem Gespräch mehr. Als John in das Quartier kam, schlief Finn schon tief und fest, obwohl John überzeugt war, in der Sekunde vor seinem Eintreten noch laute Musik gehört zu haben.

 

Auch am nächsten Morgen war ein klärendes Gespräch unmöglich, denn Finn hatte das Gastquartier schon in aller Frühe verlassen. Er ging John bewusst aus dem Weg. Er streifte den ganzen Tag durch das Stargate-Center. Eine geschlagene Woche war er schon auf diesem Planeten und bisher hatte er nur endlose, sich gleichende Gänge in eintönigem Grau, schmucklose Büros und karge Quartiere gesehen. Wenn er schon hier bleiben sollte, dann wollte er auch mal wissen, wie es draußen aussah. Wenn er seine Zukunft hier unten, in diesem vor der Welt geheim gehaltenen Hochsicherheitsbunker verbringen sollte, wusste er, würde er definitiv durchdrehen. Dieser Ort war so komplett anders als sein geliebtes Atlantis. Er vermisste die unendlich wirkende Weite des Meeres und dessen Rauschen, mit dem Finn immer einschlief. Nein, diese grauen Wände, das Kunstlicht, die Enge und das hektische Treiben der Soldaten, das alles stand in krassem Gegensatz zu dem, was er in Atlantis kennen gelernt hatte. Sicher, in Atlantis waren die Soldaten auch manchmal hektisch und der Platz war auch nicht unbegrenzt, aber dort konnte er sich zurückziehen, wenn ihm einfach mal alles zuviel war. Dort schenkte ihm das Meer wenigstens die Illusion von Freiheit. Aber wo sollte er hingehen, wenn ihm hier alles zu viel wurde?

 

„Ich bin in Atlantis zu Hause. Dort will ich nicht weg“, er sah sich in dem leeren Gang um, in dem er sich gerade befand. „Hier gehöre ich nicht her…“

 

Er seufzte. Finn hatte es tatsächlich geschafft, sich in diesem Labyrinth von Gängen zu verlaufen. Zähneknirschend machte er sich auf den Rückweg, aber gab schon an der zweiten Gabelung auf. Er war wohl doch viel zu sehr in Gedanken versunken gewesen, um sich noch an den Rückweg zu erinnern.

 

Doch dann sah er eine blonde Frau schnell an ihm vorbeilaufen. Er erkannte sie als Colonel Samantha Carter, Mitglied von SG-1, wieder. Finn hatte sie bei seiner Ankunft auf der Erde kennen gelernt. Sie war eine freundliche und dynamische Frau, auf die Rodney McKay ein Auge geworfen hatte. Mit einem jähen Schmunzeln musste Finn dem Wissenschaftler Recht geben. Sam Carter war sexy. Auch wenn Finn mit seinen reichlich 12 Jahren sexy noch anders definieren würde. Finn beschloss, ihr so unbemerkt wie möglich zu folgen. Sie würde sicherlich irgendwo in diesem Komplex hin gehen, wo er sich wenigstens ein bisschen auskannte. Das hoffte er zumindest, schließlich hatte er keine große Lust, stundenlang durch die immer gleichen Gänge zu irren.

 

Einige Meter lief er einfach nur schweigend hinter ihr her, doch Sam bemerkte ihn schon bald und drehte sich mit einem einladenden Lächeln auf den Lippen zu ihm um.

 

„Finn, na, hast du dich verlaufen?“

 

Es war dem Jungen anzusehen, dass es ihn unangenehm berührte. Er nickte peinlich berührt.

 

„Okay, Vorschlag. Ich bring dich zu deinem Quartier und du erklärst mir, warum du dich verlaufen hast. Deal?“

 

Sam streckte ihm freundlich grinsend die Hand entgegen. Finn jedoch vergrub die seinen zögernd tiefer in der Hosentasche. Sie war ihm zwar sehr sympathisch, aber konnte er dieser Frau wirklich trauen?

 

„Sagen Sie es weiter, Colonel?“

 

Sam gluckste vergnügt: „Nein, nicht wenn du es nicht willst.“

 

Finn blinzelte. Dann fasste er sich ein Herz und schlug ein. So schlecht konnte Sam gar nicht sein, dachte er.

 

„Okay“, sagte er leise. Und so legten die beiden den Rest des Weges gemeinsam zurück. Langsam und stockend begann Finn zu erzählen, was ihn so mitnahm. Doch plötzlich überkam ihn das Gefühl, dass es ihm besser ging, je mehr er erzählte. Deshalb sprudelte es nur so aus ihm heraus: dass er nicht verstehen konnte, weshalb General Landry unbedingt von ihm wollte, dass er auf der Erde blieb, dass er sich von John Sheppard verraten fühlte, weil dieser sich nicht für ihn eingesetzt hatte, dass er die Erde überhaupt  ganz schrecklich finden würde und sich hier so gar nicht wohl fühlen und dass er Atlantis schmerzlich vermissen würde. Sam hörte ihm schweigend zu. Sie verstand seine Gefühle und nahm es ihm deshalb auch nicht übel, dass der Kleine so über ihre Heimat herzog. Klar, er wurde schließlich aus seiner eigenen brutal herausgerissen. Sie bewunderte den Jungen für seine unumwundene Ehrlichkeit.

 

Ehe sich die beiden versahen, waren sie schon bei den Gästequartieren angekommen. Als sie Finn vor seinem Quartier verabschiedete, klopfte sie ihm aufmunternd auf die Schulter.

 

„Du wirst das schon schaffen, Finn. Vertrau mir einfach. Und das mit Colonel Sheppard renkt sich auch wieder ein.“

 

„Na ja…wenn Sie das sagen…“

 

„Tja, ich muss jetzt weiter. Wir sehen uns sicherlich morgen dann, wenn die Daedalus abfliegt.“

 

Morgen – mit Schrecken fiel Finn ein, dass dies der letzte gemeinsame Abend mit John sein würde, bevor sie sich auf unbestimmte Zeit verabschieden würden.

 

„Na dann…bis morgen“, entgegnete Finn schwach mit einem unsicheren Lächeln und betrat seufzend das Quartier. Er war ganz allein und eine ungeahnte Müdigkeit überfiel ihn. Der Junge fühlte sich mit einem Male so unendlich alt und erschöpft und er wusste, es würde nicht das letzte Mal sein, dass er sich so fühlte. Langsam und schwerfällig schlurfte er zu seinem Bett und ließ sich fallen. Er vergrub sein Gesicht im Kissen und wollte die dröge Umwelt einfach nur ausblenden.

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Der folgende Tag brach mit kühlem Schweigen an und genauso schweigend ging Finn John weiter aus dem Weg. Er hatte sich einfach nicht getraut, bei ihm das Gespräch zu suchen; bis der Augenblick des Abschieds da war. Er war so gewaltsam in sein Leben getreten wie der Wraith-Angriff, der ihm seine Familie genommen hatte.

 

Als Finn in Begleitung des SG-1-Teams am Hangar der Daedalus auf dem Alpha-Stützpunkt P3X768 eintraf, war bereits reges Treiben in Gange. Die letzten Gegenstände und Vorräte wurden an Bord des Erdenschiffes gebracht und die Besatzung ging allmählich auf ihre Posten.

 

Die Verabschiedung von seiner „Ersatzfamilie“, wie Finn die Leute in Atlantis gerne nannte, tat unheimlich weh. Jeder gab ihm die besten Wünsche mit auf den Weg und hier und da bekam er etwas zugesteckt – kleine Dinge, die ihm die Zeit auf der Erde bis zu seiner, wahrscheinlich in weiter Ferne liegenden Rückkehr nach Atlantis wenigstens etwas versüßen sollten. Als letztes verabschiedete er sich von John. Er brachte es einfach nicht über das Herz, ihn gehen zu lassen, ohne sich mit ihm auszusöhnen.

 

So standen sich die beiden schließlich gegenüber. John hatte nicht mehr mit einer Versöhnung gerechnet und doch hatte er es sich so sehr gewünscht. Und eben dieser Wunsch würde sich nun erfüllen. Er fing den Jungen in einer Umarmung auf, als sich dieser schluchzend in seine Arme warf. Immer wieder hörte er Finn tränenerstickte Entschuldigungen flüstern. Er wollte den Schmerz und die Last von seinen schmalen Schultern nehmen, doch alles, was er sagen konnte war: „Ist ja gut. Ist ja schon gut.“

 

John hätte sich für seine Ohnmacht ohrfeigen können. Warum konnte er seinen Schützling nicht besser Trost spenden? Doch Finn fing sich wieder ein wenig und löste sich langsam aus der Umarmung.

 

„Es…es tut mir leid, dass ich nicht früher etwas gesagt habe.“

 

„Nein, mir muss es Leid tun. Ich hätte dich besser verteidigen sollen.“

 

Mit einem traurigen Lächeln wischte er eine Träne von Finns Wange, während er zeitgleich mit seiner Rechten sanft den linken Unterarm des Jungen ergriff. Dann zog er etwas Silbernes aus seiner Hosentasche und ließ es in die Hand des Jungen gleiten, die er dann umschloss. Mit verschwörerischer Miene sagte John: „Ich möchte, dass du das hier bekommst. Es soll dich an mich erinnern und dir helfen, über die Zeit hier hinweg zu kommen.“

„Aber ich habe doch gar nichts, das ich dir geben kann…“

 

„Ich brauche nichts. Ich hab dich hier drin“, sagte er und legte seine flache Hand auf die Brust. Finn nickte. Und dann kam sie, die letzte Umarmung. Jemand trat an die beiden heran und legte mitfühlend eine Hand auf Johns Schulter.

 

„Tut mir leid, Colonel, aber wir müssen los. Hermiod steigt mir sonst auf die Barrikaden.“

 

Es war Colonel Steven Caldwell. Er schenkte Finn noch ein letztes aufmunterndes Lächeln, bevor er als Kommandeur der Daedalus wieder an Bord ging.

 

„Tja…sieht ganz so aus, als würden sich unsere Wege hier jetzt trennen“, sagt John leise.

 

„Ja…“

 

„Hey, ämm…bitte schreib mir, Finn. Ich muss wissen, wie es dir hier geht. Und halte das in deiner Hand in Ehren, okay?“

 

„Äh…klar, natürlich…“

 

„Okay, dann…mach’s gut.“

 

„Ja…du auch.“

 

Langsam drehte sich John um und ging auf das Raumschiff zu. Kurz vor dem Betreten sah er noch einmal zurück zu Finn, der sich nicht von der Stelle bewegt hatte und winkte ein allerletztes Mal. Finn, dem wieder Tränen in die Augen gestiegen waren, winkte zurück. Dabei formten seine Lippen ein stummes „Bye“. Dann schloss sich die Einstiegsluke, das Dach des Hangars öffnete sich und die Daedalus hob ab.

 

Finn sah ihr nach, wie sie sich immer mehr entfernte, bis sie verschwunden war. Dann erst konnte er sich endlich aufraffen, den Hangar zu verlassen und zum Stargate zu gehen, das ihn zurück zur Erde brachte. Dort wartete auch schon SG-1 auf ihn und selbst Brigadier General Jonathan "Jack" O’Neill, der vom SGC zum neu gegründeten Ministerium für Heimatweltschutz versetzt worden war, war erschienen, um der Atlantis-Crew viel Glück zu wünschen. Finn seufzte kopfschüttelnd.

 

„Na dann, willkommen auf der Erde“, murmelte Finn. Kurz bevor er durch das Gate trat, fiel seine Aufmerksamkeit auf den Gegenstand, in seiner Hand: Es waren Johns persönliche Erkennungsmarken.


*Dart: Bezeichnung für leichte Jagdraumschiffe (Einsitzer) der Wraith


wer das liest: sei gnädig mit mir ;)
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